https://www.faz.net/-gpf-9drdi

Konfliktherd : Asiatisch-pazifischer Machtpoker

  • -Aktualisiert am

Der Zerstörer USS Decatur bei einem Manöver im Pazifik Bild: dpa

Die einen sind schon lange da, die anderen wollen endlich wieder da sein. Washington und Peking - der sicherheitspolitische Wettlauf.

          3 Min.

          Noch immer sind die sicherheitspolitischen Herausforderungen im asiatisch-pazifischen Raum hierzulande (und in der EU insgesamt) eher ein Randthema. Spricht man von der asiatischen Herausforderung im 21. Jahrhundert, denken die meisten zunächst an das zunehmende Gewicht dieser Weltregion in der Weltwirtschaft, allem voran an Chinas wachsende Bedeutung als mittlerweile zweitgrößte Volkswirtschaft und bevölkerungsreichstes Land der Erde. Umso erfreulicher ist es, dass mit dem vorliegenden Band uns zur Abwechslung ein deutscher Wissenschaftler (in der Regel sind es die amerikanischen Kollegen) kenntnisreich daran erinnert, dass neben den klassischen Konflikten (Taiwan-Frage und natürlich der Nuklearpoker mit Nordkorea) heute zunehmend vor allem Grenzkonflikte zwischen China und anderen Anrainern im Südchinesischen Meer (aber auch zwischen China und Japan im Ostchinesischen Meer) und die damit verbundene chinesische Aufrüstung Anlass zur Sorge geben. Und dass ein bewaffneter Regionalkonflikt in Asien auch Deutschlands Seeverkehr betreffen würde.

          Paul selbst stellt zu Recht einschränkend fest, dass solche Konflikte selbstverständlich nicht zwangsläufig zu Krieg führen müssen. Sie können aber eben durchaus eskalieren, wenn mit ihnen die viel gefährlichere Entwicklungstendenz eines Machtkampfs zwischen China und den Vereinigten Staaten verbunden ist. Genau diese Gefahr ist das zentrale Thema des Bandes. Im aktuellen Streit baut China künstliche Inseln, um seine Ansprüche zu zementieren, und provoziert damit nicht nur sämtliche anderen Anrainer, sondern fordert mit seinen maritimen Ambitionen auch Amerika heraus. Exemplarisch dafür steht Pekings militärische Absicherung der maritimen Seidenstraße, die das Land über den Indischen Ozean, den Suezkanal und den griechischen Hafen Piräus mit Europa verbinden soll. Die Vereinigten Staaten wiederum entsenden regelmäßig Kriegsschiffe zu Patrouillenfahrten in die Region und dokumentieren damit die Grundlage dieser Rolle, nämlich die Kontrolle der indopazifischen Seewege zur Aufrechterhaltung des Fernhandels und den Status als pazifische Schutzmacht und damit als Supermacht. Mit der Zunahme der maritimen Aktivitäten beider Mächte aber steigt auch die Gefahr von (nicht)intendierten Zusammenstößen, wie mehrere tragische Unglücksfälle auf See in den vergangenen beiden Jahren dokumentieren. Paul analysiert diesen schwelenden Konflikt zwischen den beiden Großmächten und stellt dabei die Frage, ob und wie sich verhindern lässt, dass er in offenen Krieg mündet.

          Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist dabei Chinas Aufstieg zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt; damit verbunden ist die entsprechende Steigerung seiner Rüstungsausgaben. Beides sei zwar „weder alarmierend noch ungewöhnlich“; und bislang hätten China und die Vereinigten Staaten auch erfolgreich eine „eskalationsträchtige Auseinandersetzung“ vermieden. Dennoch aber löse diese Entwicklung zunehmend Sorgen bei den Nachbarn und Amerika über Chinas „robustere Außenpolitik“ aus. Dies gilt zumal in einer Zeit, da Territorialstreitigkeiten seit der Annexion der Krim wieder kritische Relevanz als mögliche Konfliktursachen haben. Auch China geht es im Fall der Inselstreitigkeiten vor allem darum, seine Machtinteressen gegenüber anderen Staaten unilateral durchzusetzen und die relative Machtposition gegenüber anderen Großmächten, sprich den Vereinigten Staaten, zu verbessern. Dabei setzt es gegenüber Anrainerstaaten wie den Philippinen oder Vietnam nicht auf die Stärke des Rechts (siehe das Ignorieren des Urteils des Internationalen Schiedsgerichts in Den Haag, mit dem es Chinas Ansprüche im Südchinesischen Meer abgewiesen hat), sondern auf das Recht des Stärkeren.

          Die Antwort auf diese Politik sieht Paul einerseits in Obamas Hinwendungsstrategie Richtung Asien, eine Strategie, die nach Ansicht des Autors weniger auf klassische Gegenmachtpolitik denn auf politisch-institutionelle Einbindung angelegt war. Andererseits plädiert er gleichzeitig für eine Stärkung der maritimen Komponente als Voraussetzung wiederum zum Verständnis der Konfliktdynamik gerade im asiatisch-pazifischen Raum. Dabei ist es ausgerechnet Trump, der mit seiner Politik daran erinnert, dass die Vereinigten Staaten und China zunehmend um Macht und Einfluss in der Region rivalisieren und dass diese Machtrivalität in hohem Maße maritim geprägt ist. Die sich häufenden Zwischenfälle auf See und im Luftraum können durchaus zu einem regional begrenzten militärischen Konflikt eskalieren und sie können aufgrund der bilateralen Sicherheitspartnerschaften und Verteidigungsabkommen der Amerikaner sogar zu einem sino-amerikanischen Krieg führen; auch deshalb bedarf es einer breiteren, amerikanisch-asiatischen Perspektive. Ob es dazu kommt, hängt maßgeblich von maritimen Entwicklungsprozessen ab, von Amerikas und Chinas Flottenrüstung, ihren maritimen Strategien und operativen Einsatzkonzepten.

          Am Ende geht es daher um eine akzeptable Machtbalance zwischen beiden Großmächten im asiatisch-pazifischen Raum als Grundlage der notwendigen Zusammenarbeit. Weder eine Appeasement-Politik, die chinesische Einflusssphären hinnimmt, noch eine Politik der Eindämmung oder Konfrontation, die die wechselseitigen Abhängigkeiten beider Seiten ignoriert, nutzt Washington dabei. Vielmehr geht es um die richtige Balance zwischen einer Politik, die die Macht und den Einfluss Amerikas in der Region aufrechterhält und dabei die ordnungspolitischen Grundsätze („Freedom of Navigation“) durchsetzt, und gezielte rüstungskontrollpolitische und vertrauensbildende Maßnahmen. Will heißen: Die von Paul angesprochenen neuen Konflikte sind es, die einzudämmen sind, nicht aber China selbst. Andernfalls könnten Fehleinschätzungen, Nationalismen und Machtstreben tatsächlich rasch in einen Krieg münden.

          Michael Paul: Kriegsgefahr im Pazifik? Die maritime Bedeutung der sino-amerikanischen Rivalität.

          Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2017. 320 S., 64,– .

          Weitere Themen

          Zweite Amtszeit für Guterres Video-Seite öffnen

          UN-Generalsekretär : Zweite Amtszeit für Guterres

          Guterres wurde von der 193 Mitglieder zählenden UN-Generalversammlung für weitere fünf Jahre ernannt. Er ist ein großer Befürworter des Klimaschutzes, von COVID-19-Impfstoffen für alle sowie der digitalen Zusammenarbeit.

          Wie Peking auf Bidens Avancen reagiert

          Chinas rüde Töne : Wie Peking auf Bidens Avancen reagiert

          China wünscht sich ein „liebenswertes“ Bild von sich in der Welt. Die Tonlage nach dem G-7-Gipfel ist jedoch gewohnt scharf. Joe Biden etwa sei „geistig unterbelichtet“ – oder er unterschätze den „Intellekt des chinesischen Volkes“.

          Topmeldungen

          DFB-Liebling Robin Gosens : „Zwick mich mal“

          Die Geschichte von Robin Gosens gibt es eigentlich nicht mehr: Von einem, der auf dem Dorfplatz entdeckt wurde und nun bei der EM für überwältigende Momente sorgt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.