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Kompliziert statt einfach : Der unmögliche Forschungsgegenstand

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Ein Transparent mit der Aufschrift «MultiKulti WAHNSINN STOPPEN!!» am31. August 2018 in Leipzig Bild: dpa

Für Populisten ist alles ganz leicht. Sie haben immer recht. Wissenschaftler machen es sich schwerer

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          Mit dem Populismus geht es einem so, wie es dem Kirchenlehrer Augustinus mit dem Phänomen „Zeit“ erging, von dem er sagte: Wenn niemand ihn frage, wisse er durchaus, was Zeit sei; sobald man ihn aber frage, könne er sie nicht erklären. Obgleich das Phänomen „Populismus“ in den vergangenen Jahren eine kometenhafte Karriere als Gegenstand politischer, politikwissenschaftlicher und historischer Debatten erlebt hat, bleibt unklar, was damit genau gemeint ist und wie weit der Begriff zur Beschreibung politischer Bewegungen, Personen, Stile und Programme, die unsere Gegenwart zu prägen scheinen, trägt. Wenn der italienische Politiker Matteo Salvini von der Partei „Lega“, zugleich Innenminister, nach dem Einsturz der Autobahnbrücke in Genua im August 2018 behauptet, Europa sei schuld an dem Unglück, denkt man spontan, eine solche Äußerung sei „typisch populistisch“. Aber was ist damit gesagt? Hätte man das früher einfach „demagogisch“ genannt?

          Ein Weg, um sich in dieser unübersichtlichen Lage mehr Klarheit zu verschaffen, ist der Vergleich. Verdienstvoll ist daher der hier anzuzeigende Sammelband, dem ein komparatistisches deutsch-italienisch-österreichisches Seminar aus dem Jahr 2015 zugrunde liegt. Die Herausgeber gehen bei der Suche nach den Ursachen für das Auftreten und Erstarken des Populismus zurück zu den Jahren der globalen Zäsur 1989/90; sie vertreten die These, in deren Folge habe sich der „Neoliberalismus“ durchgesetzt. Dies habe zu Unsicherheit und Desorientierung in breiten Bevölkerungsschichten und zum massiven Verlust an Loyalität der Bürger gegenüber den traditionellen Parteien, oft sogar gegenüber dem konstitutionell-parlamentarischen System als Ganzem geführt. Ein zweites Sprungbrett des Populismus sei die Vertiefung der Europäischen Union durch den Vertrag von Maastricht gewesen, der weitere Ängste geschürt habe, vor sozialem Abstieg und Identitätsverlust. Für den dritten Schub sorgten die Wirtschafts- und Finanzkrise (ab 2008/9) und die „Flüchtlingskrise“ (2015/16). Populistische Parteien seien entstanden, und zahlreiche bereits bestehende Parteien hätten sich mit populistischer Orientierung neu positioniert.

          Diese allgemeinen und in ihrer Allgemeinheit anfechtbaren Großerklärungen und Periodisierungen werden in den sechzehn Aufsätzen präzisiert und zum Teil korrigiert. Die Beiträge sind wiederum zu drei übergreifenden Kapiteln zusammengestellt, die sich historischen Perspektiven und Transformationsprozessen, politischen Akteuren als Stichwortgebern des Populismus und dem Umgang der europäischen Parteien mit dem Populismus widmen.

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