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Kommentar : Bis auf die Knochen

Man muss einen Völkermord auch Völkermord nennen: Gauck hat die große Koalition vor einem großen Fehler und einer großen Blamage bewahrt.

          Deutschland, Deutschland, überall dabei. Wenn in der deutschen Politik über den Völkermord an den Armeniern gesprochen wird, dann fehlt selten der Hinweis, dass es schon damals ein Element deutscher Schuld gegeben habe: Das Kaiserreich sei mitten im Weltkrieg den verbündeten Jungtürken nicht in den Arm gefallen. Diese alte Waffenbrüderschaft scheint, wenn auch unter anderen Vorzeichen, in manchen Kreisen noch immer Wirkung zu entfalten. Die Bundesregierung wollte nicht, dass in einer Erklärung des Bundestages der Genozid an den Armeniern Völkermord genannt wird, weil das die heutigen Türken provoziere. Die betrachten auf diesem Feld so ziemlich alles als Provokation, was der historischen Wahrheit entspricht. Außenminister Steinmeier begründete sein Zurückschrecken vor dem V-Wort damit, dass man auch an die künftigen Beziehungen zwischen Ankara und Eriwan denken müsse. Eine emotional aufgeladene Debatte könne „den Beginn eines ernsthaften Dialogs zwischen Türken und Armeniern“ unmöglich machen.

          Der war nun hundert Jahre lang nicht möglich, und es ist nicht zu sehen, warum eine absurde Begriffsvermeidung in Deutschland daran plötzlich etwas ändern sollte. Niemand kann und sollte den Türken vorschreiben, wie sie sich zu den dunklen Seiten ihrer Geschichte zu stellen haben. Doch ein Staat, der so viel Wert auf die Bewältigung der eigenen Vergangenheit gelegt hat wie Deutschland, darf sich selbst aus geostrategischen Gründen nicht der türkischen Selbstverleugnung anschließen. Wenn dieser Streit die Annäherung Ankaras an die EU belastet, dann ist er ein weiterer Beleg dafür, dass eine solche Türkei nicht in die EU gehört.

          Nach Protesten aus den eigenen Reihen beschloss die Koalition nun, das V-Wort zwar nicht ins Schaufenster zu stellen, aber auch nicht völlig zu vermeiden. Dazu trug ein „Austausch“ mit dem Bundespräsidenten bei, der sich seine Wortwahl in Grundsatzfragen nicht von außen- und vielleicht auch innenpolitischen Opportunitätsüberlegungen diktieren lässt. Gauck, das zeigt sich bei dieser Gelegenheit abermals, ist ein Glücksfall für die Republik, auch weil er immer wieder die Beschaulichkeit der großen Koalition und die Automatismen ihrer Konsensmaschine stört. Die schwarz-roten Koalitionäre müssten Gauck dafür dankbar sein. Wären sie ihm in diesem Fall nicht gefolgt, dann hätten sie sich blamiert – bis auf die Knochen.

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