https://www.faz.net/-gpf-7zlv6

Kohls Einheit unter drei : Mit Kohl über Schweden?

  • -Aktualisiert am

Bundeskanzler Helmut Kohl am 19. Dezember 1989 in Dresden Bild: dpa

Als die DDR-Bürger Ende 1989 begriffen, dass das SED-Regime, von Michail Gorbatschow fallengelassen, sie nicht mehr mit Waffengewalt aufhalten konnte und sie deshalb nach dem ersten auch den zweiten und dritten Schritt gehen durften, taten sie’s natürlich.

          3 Min.

          „Unter drei“ heißt im Journalistenjargon, dass eine Information, die in einem „Hintergrundgespräch“ vertraulich gegeben wird, auch vertraulich bleiben muss. Ewald König, einst Deutschland-Korrespondent der Wiener „Presse“, weckt so mit seinem pünktlich zum Mauerfalljubiläum publizierten Titel die Erwartung, hier dürften wir endlich erfahren, was sich bei „Kohls Einheit“ so alles im Verborgenen abgespielt hat und nun endlich, endlich ans Licht kommt.

          Das Buch ist insofern eine angenehme Enttäuschung, als es auf die ganz große Enthüllungsgeste - mit deftigen Zitaten et cetera, wie zur Genüge erlebt - immerhin verzichtet. Leider ist es, gemessen am prätentiösen Titel, auch sonst eher eine Enttäuschung. Manches kommt gar bedeutsam daher, ohne es wirklich zu sein, und so hängt das Ganze ein wenig in der Luft. Dabei nimmt allein „Der Warschau-Komplex“ 17 der 33 Kapitel ein - es scheint sich auch um einen Komplex des Autors zu handeln, der offenbar findet, die polnischen Vorgänge und ihr Einfluss auf die DDR-Revolution seien so gut wie unbekannt. Ausführlich geht er dabei auf Kohls damalige Polen-Reise ein, als der Kanzler „zur falschen Zeit am falschen Ort“ war, nämlich am 9. November 1989 in Warschau, und wegen des Mauerfalls schließlich die Reise unterbrach, um nach Berlin zu eilen. Dabei neigt der Autor schon im Faktischen zu Übertreibungen.

          Wenn König hervorhebt, Kohl habe mit der Luftwaffenmaschine erst „über Schweden“ nach Hamburg fliegen müssen, ist das schlicht falsch (was mir vielleicht nicht aufgefallen wäre, wenn ich da nicht als Journalist mit an Bord gewesen wäre). Das Flugzeug legte knapp außerhalb des DDR-Luftraums eine kurze Strecke über der Ostsee zurück und landete nach 50 Minuten Flugzeit in Hamburg, wo Kohl in die PanAm-Maschine umstieg, die ihn nach Berlin brachte. Bei König wird daraus ein „Abenteuer mit dem Alliierten-Flugzeug“.

          Hamses nich ne Nummer kleiner? würde der Berliner sagen. Das wäre nicht der Rede wert, legte König nicht so viel Gewicht auf Details, deren Relevanz für den Prozess der Wiedervereinigung sich nur begrenzt erschließt. Da werden ausführlich Probleme beschrieben, vor die der Strom von DDR-Flüchtlingen die Botschaft der Bundesrepublik wie auch die der DDR in Warschau stellte. Gewiss, die Situation war komplizierter als in Prag und Budapest, weil Polen keine Landesgrenze zum Westen hatte - aber eben deshalb war ihre Auswirkung auf die Entwicklung auch deutlich geringer. Geradezu abwegig wird es, wenn in den Warschau-Teil ein Kapitel „Die Stunde des Spions im Deutschlandfunk“ eingestreut wird. Der banale Sachverhalt: Der Bericht des DLF-Korrespondenten über Kohls Pressekonferenz in Warschau gelangt in der Kölner Zentrale zufällig zuerst an einen Kollegen, der später als IM der Stasi enttarnt wird. Folgen? Keine. Relevanz? Null.

          Bei der Schilderung von Kohls Rede am 19. Dezember in Dresden bewegt König die bange Frage, woher denn die vielen fabrikneuen schwarz-rot-goldenen Fahnen plötzlich gekommen seien, mit denen die Dresdner dem Kanzler zuwinkten. Und er erzählt, wie vier „große blonde Männer“ vorn am Podium „ihre Fäuste in den Himmel stießen und sich in militantem Rhythmus die Seele aus dem Leib brüllten“, nämlich, man staune, mit dem Ruf: „Deutschland, Deutschland, Deutschland, Deutschland“. Auch nach einem Vierteljahrhundert „erzeugt der Nachhall noch eine Gänsehaut“. Nun ja. Interessant - wenn da wirklich „bestellte Einpeitscher“ am Werk waren, wie König suggeriert - wäre doch allein die Frage, warum die Dresdner (wie zahllose Augenzeugen, Reportagen und Berichte verbürgen) so einmütig zustimmten, als der Kanzler ausrief: „Wir sind ein Volk“. Wegen einer Handvoll Einpeitscher? Absurd. Wie aus einer Erhebung zur Reform der DDR eine solche zum Sturz des Regimes und daraus eine Volksbewegung für die deutsche Einheit (und dann noch Kohls Wahlsieg) werden konnte, daran laboriert König herum und gerät auf Nebengeleise. Ist ihm wirklich entgangen, dass viele DDR-Deutsche die Hoffnung auf die Wiedervereinigung - anders als viele Bundesbürger - nie ganz aufgegeben hatten? So betrieben sie einfach die Kunst des Möglichen, als die Situation da war.

          Was König nicht so recht wahrhaben möchte: Als die DDR-Bürger begriffen, dass das SED- Regime, von Michail Gorbatschow fallengelassen, sie nicht mehr mit Waffengewalt aufhalten konnte und sie deshalb nach dem ersten auch den zweiten und dritten Schritt gehen durften, taten sie’s natürlich. Und weil alle spürten, dass es schnell gehen musste - wer konnte wissen, wie es in Moskau weitergehen würde? -, hatten sie es eilig mit dem Beitritt. Und sie wählten den Garanten dafür. König scheint mit dieser Dynamik noch nachträglich ein Problem zu haben, ohne sich auf entscheidende Beschleunigungsmotive ernsthaft einzulassen. Dafür macht er am Schluss schon mal Werbung für sein nächstes Werk; da soll es um die junge Angela Merkel gehen, um Lothar de Maizière und um deutsch-deutsche Geschichten „unter drei“, die „mit Sicherheit noch unbekannt sind“. Nach diesem Buch eine recht vollmundige Ankündigung. Hoffen wir das Beste.

          Ewald König: Kohls Einheit unter drei. Weitere deutsch-deutsche Notizen eines Wiener Korrespondenten. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2014. 247 S., 14,95 €.

          Viele DDR-Deutsche hatten die Hoffnung auf die Wiedervereinigung doch nie ganz aufgegeben.

          Weitere Themen

          Obdachlose werden gegen Corona geimpft Video-Seite öffnen

          Vereinigte Staaten : Obdachlose werden gegen Corona geimpft

          Im Bundesstaat Connecticut werden Obdachlose in einer Anlaufstelle gegen das Coronavirus geimpft. Die Leiterin der Einrichtung zeigt sich überwältigt, dass ihren Klienten diese Aufmerksamkeit widerfährt.

          Topmeldungen

          Demonstranten auf dem Puschkin-Platz in Moskau am Samstag

          Demonstrationen für Nawalnyj : „Putin ist ein Dieb!“

          Zehntausende Menschen protestieren am Samstag gegen den russischen Staatspräsidenten und für die Freilassung Alexej Nawalnyjs. Die Staatsmacht geht hart gegen die friedlichen Demonstranten vor.
          Fertigungsstrecke von Geely in der chinesischen 6-Millionen-Einwohner-Metropole Ningbo.

          Autos aus Fernost : Chinas Einheitsfront gegen VW und Tesla

          Wie von Peking gewünscht, knüpft Milliardär Li Shufu ein Netzwerk mit chinesischen Technologiegiganten, um das Auto der Zukunft zu bauen. Auch Daimler darf helfen beim Projekt Welteroberung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.