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Tansania : Können Kapitalisten den Sozialismus aufbauen?

Tansanias Präsident Julius Nyerere 1972 im Gespräch mit dem SPD-Parteivorsitzenden Willy Brandt. Bild: Picture-Alliance

In dem ostafrikanischen Land lieferten sich Bundesrepublik und DDR einen harten Wettkampf mit Hilfe von Entwicklungshilfe.

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          „Also haben wir gescherzt und gesagt, wenn du Kapitalisten willst, schicke sie zum Studieren in die Sowjetunion oder nach Kuba. Wenn du Sozialisten willst, schicke sie in ein westliches Land.“ Dieses Bonmot, zitiert von einem tansanischen Ingenieurstudenten, der mit einem DAAD-Stipendium in den USA studiert hatte, zeigt: Entwicklungszusammenarbeit mit afrikanischen Staaten nach deren Unabhängigkeit war – wie auch andere Bereiche der Außenpolitik – bestimmt von der Konkurrenz der Führungsmächte der beiden Blöcke. Und sie zeitigte mitnichten immer den gewünschten Erfolg.

          Tatjana Heid
          Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.

          Die aktuelle Studie des Historikers Eric Burton zeichnet die entwicklungspolitischen Beziehungen zwischen Westdeutschland und Tansania einerseits sowie zwischen der DDR und Tansania anderseits über drei Jahrzehnte bis zur Wiedervereinigung Deutschlands 1990 nach. Besonderes Augenmerk gilt dem Spannungsverhältnis zwischen Kaltem Krieg, Dekolonisierung und konkurrierenden Sozialismen.

          Tansania erklärte 1961 seine Unabhängigkeit von Großbritannien. Mit der Deklaration von Arusha sechs Jahre später wurde Ujamaa – als eine Variante des afrikanischen Sozialismus – unter dem ersten Präsidenten Tansanias, Julius Nyerere, Staatsdoktrin. Unter dem Primat der Blockfreiheit ging Ujamaa auf Distanz zu der Sowjetunion und dem doktrinären Marxismus-Leninismus. Mit ihrer Betonung der Self-reliance – auf Deutsch etwa Selbständigkeit – war die Deklaration von Arusha zudem eine Reaktion auf außenpolitische Krisen direkt nach der Unabhängigkeit. Bundesrepublik, USA und Großbritannien froren Mitte der 1960er Jahre zahlreiche Entwicklungsgelder ein.

          Doch schon Anfang der 1970er Jahre galt Tansania als Schwerpunktland sowohl für westdeutsche „Entwicklungshilfe“ als auch für ostdeutsche „sozialistische Hilfe“. Nyerere setzte beim Aufbau eines eigenständigen afrikanischen Sozialismus auf Expertise, Kredite und Stipendien aus Ost und West – was durchaus Gegenstand von Kritik war. Studierende der Universität Daressalam fragten etwa bei einer Demonstration gegen die Privilegien politischer Eliten: „Seit wann sind Kapitalisten in der Lage gewesen, den Sozialismus aufzubauen?“

          Tansania war sowohl für die DDR als auch für die Bundesrepublik von geostrategischer und regionaler Bedeutung. Das entwicklungspolitische Engagement verlief laut Burton in vier Phasen. Die erste, bis 1964, stand noch im Zeichen der Dekolonisierung. In der zweiten, bis 1970, führte die deutschlandpolitische Konkurrenz zu einer deutlichen Politisierung der Entwicklungszusammenarbeit. Die DDR war in Sansibar so aktiv und präsent wie nie zuvor oder danach in einem Land, während der Widerstand Nyereres gegen „eine politische Instrumentalisierung von ,Hilfe‘“ die Beziehung zwischen der Bundesrepublik und Tansania vorübergehend schwächte.

          In der Phase der friedlichen Koexistenz zwischen 1970 und 1977 verfolgte die DDR ihre politischen Interessen vor allem durch die Entsendung von Personal, während die Bundesrepublik zahlreiche Großprojekte förderte. Der Preis war eine höhere Abhängigkeit und Verschuldung Tansanias. Bis 1990 dann verfolgte die DDR in erster Linie wirtschaftliche Interessen, während die Bundesregierung ihre antikommunistische Rhetorik wiederbelebte.

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