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Kirchen im „Dritten Reich“ : Unbelohnte Bereitschaft

  • -Aktualisiert am

Berliner Feldgottesdienst 1933: Pfarrer Walter Hoff und SA-Männer Bild: Wallstein Verlag / bpk

Was versprachen sich Mitläufer und Aktivisten beider Konfessionen von ihrem Engagement im NS-Staat? Bei einigen Professoren war es wohl die Aussicht auf politische Wirkung außerhalb der akademischen Grenzen, bei manchen Kirchenpolitikern der Wille zur Mitsteuerung im Kirchenkampf.

          Im Jahr 2013 gedachte die Stiftung „Topographie des Terrors“ in Berlin mit einer Reihe von Vorträgen der 80-jährigen Wiederkehr der „Machtergreifung“ Hitlers. Im Blick waren diesmal die „Täter und Komplizen“ der NS-Bewegung in den Kirchen - ein immer noch spannungsreiches Kapitel der Zeitgeschichte. Außer einem Beitrag von Thomas Forstner über katholische Geistliche im Spannungsfeld von Katholizismus und Nationalsozialismus handelten alle Vorträge von evangelischen Theologen und Kirchenpolitikern der NS-Zeit. Manfred Gailus hat die Texte jetzt in überarbeiteter Form herausgegeben.

          Die nationalsozialistische Revolution fand auf evangelischer Seite zunächst Beifall, vor allem bei jungen Geistlichen sogar enthusiastische Zustimmung. Mit der Glaubensbewegung „Deutsche Christen“ (DC) bildete sich eine innerkirchliche Parallelbewegung zur Hitlerpartei heraus, die auf eine halbe Million Anhänger zählen konnte und der es gelang, nahezu alle Landeskirchen (mit Ausnahme Württembergs, Bayerns und Hannovers) zu erobern. Gailus schildert die Massenrituale dieser Bewegung: den Fahnenkult, die „Feldgottesdienste“ im Freien, die Tilgung hebräischer Termini aus der Liturgie, die Verkündung eines „artgerechten“ Christentums mit einem heldischen (und natürlich „arischen“) Christus im Mittelpunkt. Die Gegenbewegung der „Bekennenden Kirche“ formierte sich erst 1934 und hatte Mühe, in die Öffentlichkeit zu dringen; ihr Zentrum blieb im Wesentlichen der innerkirchliche Raum. Gailus macht zwischen beiden Bewegungen soziale und geschlechtsspezifische Unterschiede aus: bei den „Deutschen Christen“ sieht er die „einfacheren sozialen Ränge“ vertreten; die „Bekennende Kirche“ ist für ihn eine „von wenigen männlichen Theologen (Pfarrern) geführte evangelische Frauenbewegung“ - und insofern ein Gegenstück zur „Männerbewegung“ der DC.

          Wichtig sind die sorgfältig gezeichneten Porträts der mit dem Nationalsozialismus sympathisierenden evangelischen Theologen. Hier liegt der eigentliche Ertrag des Buches. Teilweise kommt Erschreckendes zutage. So verfolgt man in der Darstellung Horst Jungingers, wie der angesehene Tübinger Exeget Gerhard Kittel sich in einen Vorkämpfer antisemitischer „Judenforschung“ verwandelte. Kittel verhörte in Berlin Herschel Grynszpan, der im November 1938 in Paris den deutschen Legationssekretär Ernst von Rath erschossen hatte, und „bewies“, dass diese Tat „eine folgerichtige Konsequenz aus seinem jüdischen Wesen“ gewesen sei.

          Susannah Heschel geht den „zwei Karrieren“ des Theologen Walter Grundmann nach: der Neutestamentler als Nazi-Propagandist - und später als Stasi-Informant. Grundmann war der Auffassung, die Protestanten müssten das Judentum überwinden, „so wie Luther den Katholizismus überwunden habe“. Der Berliner Pfarrer Karl Themel, ein Sippenforscher, der mit Kirchenbüchern arbeitete, half den Nazis bei der rassistischen Ausgrenzung und Verfolgung der Juden. Endlich Erich Seeberg, das einflussreichste Schulhaupt der evangelischen Kirchenhistorie in den dreißiger Jahren: Er entwarf ein überkonfessionelles Konzept „deutscher Frömmigkeit“, das von der Mystik und Martin Luther bis zum Deutschen Idealismus reichte; das Alte Testament sah er nur noch als einen Spezialfall der allgemeinen Religionsgeschichte, weshalb hebräische Sprachkenntnisse für Theologen überflüssig seien. „Die Mystik erschien Seeberg als läuterndes Feuer des germanischen Geistes, der im Rosenbergschen Spiritualismus erneut aufschien“, schreibt Thomas Kaufmann.

          Thomas Forstner untersucht die katholischen „braunen Priester“. Er kann dabei auf seine Dissertation über den katholischen Pfarrklerus in Oberbayern 1918 bis 1945 (publiziert 2014) zurückgreifen. Bezüglich der Zahl dieser Priester, „die dem Nationalsozialismus loyal und konsensorientiert gegenüberstanden oder sich gar als aktive Kollaborateure an den Aktivitäten der Partei oder des NS-Staates beteiligten“, bringt er kaum Neues, sie waren mit 0,3 Prozent unter den katholischen Geistlichen eine winzige Minderheit - wohl aber wirft er Licht auf ihre regionale Verteilung: Von den 119 bekannten „braunen“ Weltgeistlichen entfällt fast die Hälfte auf Priester bayerischer Diözesen. Viele wirkten im akademischen Umfeld, sie lehnten den politischen Katholizismus ab, waren antirömisch eingestellt.

          Was versprachen sich die Mitläufer und Aktivisten beider Konfessionen von ihrem Engagement im NS-Staat? Bei Professoren wie Kittel, Grundmann und Seeberg war es wohl die Aussicht auf politische Wirkung außerhalb der engen akademischen Grenzen, bei den Kirchenpolitikern Kerrl und Muhs der Wille zu maßgeblicher Mitsteuerung im Kirchenkampf (so Hansjörg Buss). Dass diese Anstrengungen von Seiten der NS-Gewaltigen belohnt worden wären, kann man kaum sagen. Kerrl und Muhs scheiterten politisch, und keiner der maßgeblichen „Täter und Komplizen“ unter den Geistlichen rückte in den Kreis der politisch Mitentscheidenden auf.

          Natürlich kann ein Buch mit biographischem und theologiegeschichtlichem Schwerpunkt oft nur einen pointillistischen Eindruck der historischen Vorgänge vermitteln. Im evangelischen Bereich fehlt es noch immer an umfassenden Quelleneditionen, die es erlauben, ein Gesamtbild der „Bewegung Deutsche Christen“ und der „Bekennenden Kirche“ zu entwerfen. Christoph Markschies fordert daher in seinem theologischen Nachwort nicht nur intensivere Erinnerung und stärkere Information „vor Ort“, sondern mahnt auch weitere Forschungen an.

          Manfred Gailus (Herausgeber): Täter und Komplizen in Theologie und Kirchen 1933-1945. Wallstein Verlag, Göttingen 2015. 260 S., 24,90 €.

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