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Kirche nach 1945 : Gremienwüsten und diskrete Milliardentransfers

Friedensgebet in der Nikolaikirche, Leipzig, DDR, 4.12.1989 Bild: INTERFOTO

Die SED hat, wie man heute weiß, immerhin eines ihrer Ziele erreicht. Das Gebiet der ehemaligen DDR ist weitgehend entkirchlicht. Eine Geschichte der Kirchen in beiden Teilen Deutschlands bis 1990.

          4 Min.

          Der Potsdamer Historiker Thomas Brechenmacher hat einen Überblick über das Verhältnis von Staat und Kirchen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg vorgelegt. Das Buch ist Teil der Reihe „Die geteilte Nation“, die jeweils im handlichen 200-Seiten-Format über wichtige Aspekte der deutschen Geschichte zwischen 1945 und 1990 informiert. Die Religionsfrage eignet sich für eine solche vergleichende Betrachtung der beiden deutschen Staaten. Denn auf kaum einem anderen Feld schlugen Bonn und Ost-Berlin so verschiedene Pfade ein wie in der Religionspolitik. Im Westen wurden die Bestimmungen der Weimarer Verfassung auf wohlwollende Weise fortgeschrieben, und man schloss Staatskirchenverträge und Konkordate, die den Kirchen Vorteile boten. Die erste DDR-Verfassung von 1949 schmälerte die Rechte der Kirchen hingegen. Die zweite Verfassung von 1968 sollte die Möglichkeiten der Religionsgemeinschaften im Vergleich zu Weimar sogar noch stärker beschneiden. Die SED-Oberen verfolgten ihr Ziel, die Kirchen aus dem gesellschaftlichen Leben herauszudrängen mit einer solchen Vehemenz, dass ihr Eifer zeitweilig sogar von Stalin gedämpft wurde. Brechenmacher stellt den diktatorischen Charakter dieser Politik klar heraus, zeigt aber auch ihren „Erfolg“ auf: Anders als in den meisten anderen Politikfeldern hat die in der Religionspolitik ihr Ziel einer weitgehenden Entkirchlichung nachhaltig erreicht.

          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Die beiden Konfessionen reagierten auf die Lagen in Ost und West unterschiedlich: Der katholischen Seite bereitete es wenig Schwierigkeiten, sich auf die Bonner Republik einzulassen, in der gerade zu Beginn als „Unterströmung“ die Idee des christlichen Abendlandes wirkte. In der evangelischen Kirche verfolgten hingegen besonders die vormaligen Bruderräte der Bekennenden Kirche mit Argwohn, wie der Westen Deutschlands von Adenauer auf antikommunistischen West-Kurs geführt wurde. Martin Niemöller brachte diese Ablehnung auf die eingängige Formel, die Bundesrepublik sei „im Vatikan gezeugt, in Washington geboren“ worden. Der linke Flügel des Protestantismus hätte im Gefolge des reformierten Theologen Karl Barth ein anderes Gesellschaftsmodell mit sozialistischen Elementen bevorzugt. Vor allem in den lutherischen Landeskirchen wurde indes bürgerlicher und konservativer gedacht – Brechenmacher bezeichnet die EKD daher theologisch wie politisch treffend als eine „Konfliktgemeinschaft“.

          Aufschlussreiche Abschnitte über innerkirchliche Debatten

          Im Osten war es hingegen die katholische Seite, die auf Distanz zum Staat blieb, während die evangelischen Kirchenleitungen unter der Formel „Kirche im Sozialismus“ den Ausgleich mit dem Regime suchten, wobei nicht ganz klar wird, worin dabei der Vorteil für die Kirche lag. Brechenmacher geht auch auf die diskreten Finanztransfers der Westkirchen an die Schwestern und Brüder im Osten ein, die in den bisherigen Darstellungen kaum beleuchtet wurden. Der Potsdamer Historiker schreibt, dass sich allein die Rohstoff-Transfers auf mehr als zwei Milliarden Mark beliefen, die gesamte Summe aber weit höher liegen dürfte. Und die Zahlungen hätten „nolens volens“ auch das DDR-Regime wirtschaftlich stabilisiert.

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