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Kim Jong-un : Ungewollte Einblicke

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Kim Jong-uns Herrschaft steht ganz in der Kontinuität der Politik seiner Vorgänger. In der unverhohlenen Entschlossenheit und Brutalität, mit der er seine Ziele verfolgt, stellt er seinen Vater und seinen Großvater aber in den Schatten. Spektakuläres Opfer seiner Säuberungen war sein Onkel Jang Song-thaek, der öffentlich aus der Sitzung des Politbüros des ZK der Partei der Arbeit heraus verhaftet, rasch in einem Schauprozess abgeurteilt und mit einem Flakgeschütz hingerichtet wurde. Auch die öffentliche Ermordung seines im Exil lebenden Halbbruders Kim Jong-nam auf dem Flughafen von Kuala Lumpur sendete eine klare Botschaft, was dem Regime Abtrünnigen widerfahren kann. Kim Jong-un setzte auch neue politische Akzente. Anders als sein Vater fördert er marktwirtschaftliche Initiativen, verspricht der jüngeren Generation wirtschaftliche Entwicklung und Wohlstand und inszeniert diese Hoffnung durch die Errichtung von Freizeitparks, Spaßbädern und Skigebieten. Auch hat er die Chancen der Digitalisierung zur illegalen Devisenbeschaffung und für die Cyberkriegsführung erkannt und baut die heimischen Kapazitäten hierfür auf.

Die Entwicklung und der Ausbau des von seinem Vater geerbten Nuklearprogramms wurden das bestimmende strategische Ziel in Kim Jong-uns nationalistischer Außen- und Sicherheitspolitik, ungeachtet mehrerer Beschlüsse des UN-Sicherheitsrates und der zahlreichen gegen Nordkorea verhängten Sanktionen. Faktisch haben die unter Kim Jong-uns Regie inszenierten Nuklear- und Raketentests die DVRK zu einer Nuklearmacht gemacht. Und es ist dieser international allerdings nicht anerkannte Status der DVRK, der es Kim Jong-un ermöglichte, im Zuge einer von ihm 2018 selbst eingeleiteten Schönwetterperiode propagandawirksam mehrere Gipfeltreffen mit den Präsidenten Südkoreas (Moon Jae-in), Chinas (Xi Jinping), Russlands (Wladimir Putin) und vor allem der Vereinigten Staaten (Donald Trump) abzuhalten. Einen derartigen Prestigeerfolg hatten weder sein Vater noch sein Großvater erzielen können.

Man darf berechtigte Zweifel daran haben, ob Kim Jong-un mit seiner Politik und seinem Politikstil auf Dauer Erfolg haben wird. Die Welt wird aber bis auf weiteres mit ihm und seiner Politik zu tun haben. Da kann Jung H. Paks Hinweis hilfreich sein, dass Kim Jong-uns Selbstgerechtigkeit, Rücksichtslosigkeit und Risikobereitschaft – Eigenschaften, die ihn von seinen Vorgängern unterscheiden – in der besonderen Sozialisation zum absoluten Herrscher der DVRK begründet sind. Anders als seine Vorgänger musste Kim Jong-un nicht Krieg, Entbehrungen und existentielle Krisen durchstehen. Er wuchs in privilegierten Verhältnissen auf, wo er von frühester Kindheit an seinen Willen durchsetzen konnte, ohne auf Widerstand zu stoßen. Diese Erfahrung sollte sich auf seinen Politikstil nach innen und nach außen nachhaltig auswirken.

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