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Kein „langer Frieden“ : Viele regionale kalte Kriege

  • -Aktualisiert am

Paul Gross, Technischer Leiter im ehemaligen Regierungsbunker Marienthal, geht einen der insgesamt 19 Kilometer langen Tunnel der unterirdischen Anlage ab (Archivfoto vom 05.02.2003). Bild: dpa

Der Kalte Krieg hatte viele Facetten. Manche spüren wir bis heute.

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          Lüthis gewichtiges Werk zu einer Neubewertung des Kalten Krieges verlangt dem Leser einiges ab. Quellen- und detailgesättigt, und nicht frei von einigen Redundanzen, tut man sich mit der Lektüre schwer. Dennoch lohnt sich der Band für historisch und politisch Interessierte allemal, nicht zuletzt, weil der Autor einen zwar nicht vollkommen neuen, aber doch originellen und plausiblen Ansatz für seine Interpretation liefert, dem bislang lediglich eine Minderheit von Wissenschaftlern folgte.

          Gewöhnlich verbindet man auch hierzulande mit dem Kalten Krieg jene Phase zwischen 1945 und 1989, in der die Supermächte Vereinigte Staaten und Sowjetunion die Welt dominierten und entlang ihrer ideologischen Vorstellungen unter sich aufteilten. Berlin- und Kuba-Krise, Truppen entlang der norddeutschen Tiefebene, nukleares Wettrüsten bis hin zu Reagans „Krieg der Sterne“-Plänen in den 1980er Jahren sowie Stellvertreterkriege im Nahen und Mittleren Osten, Südostasien und Zentralamerika symbolisierten die Wegmarken eines Ideologiezeitalters, welches Ende der 1980er Jahre mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Triumph der Amerikaner als Anführer der „freien Welt“ endete.

          Lüthi fordert diese traditionelle Sicht auf die Epoche heraus und bietet uns ein alternatives Narrativ – eines vom Kalten Krieg, der mehr war als nur eine binäre Konfrontation, bei der die Supermächte ihre Allianz- und strategischen Partner wie Marionetten instrumentalisierten. Korea, Deutschland und Afghanistan mögen solche Schauplätze gewesen sein, die ausschließlich zu Austragungsorten dieses globalen Machtkampfes wurden. Ansonsten aber handelte es sich um eine Phase paralleler „kalter Kriege“ bzw. eng miteinander verwobener Konflikte vor allem in Asien sowie im Nahen Osten, die bereits vor Ausbruch des Kalten Krieges schwelten und in dessen Verlauf mehr oder weniger stark auf den europäischen Kontinent ausstrahlten.

          Das Verdienst des Autors ist es somit, unser Augenmerk auf ein Verhalten regionaler staatlicher Akteure zu richten, das viele Beobachter eigentlich erst in der multipolaren Welt des 21. Jahrhunderts als Phänomen in den internationalen Beziehungen konstatieren: danach sind solche Akteure effektive Opportunisten, welche die Großmächte geschickt gegeneinander ausspiel(t)en und für ihre eigenen Zwecke manipulierten. „Hedging“ nennt man diese Strategie, wie sie heute vor allem in der asiatisch-pazifischen Region zu beobachten ist. Mit ihr üben Staaten zunehmend Druck auf die um die dortige Hegemonie ringenden beiden Supermächte China und Vereinigte Staaten aus.

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