https://www.faz.net/-gpf-9c4tl

Vergangenheitspolitik : Geboren aus dem Geist des Dagegen

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Österreich sieht sich gern als erstes Opfer Hitlers. Aber es kann der gemeinsamen dunklen Vergangenheit nicht entrinnen.

          4 Min.

          Zuweilen sind Dinge so selbstverständlich geworden, dass wir zu fragen vergessen haben, wann und warum sie geworden sind. Ein Phänomen, das heutzutage eine natürliche Prägekraft gewonnen hat, ist die in Jahrestagen verkörperte Allgegenwart der Erinnerung. Allein in diesem Jahr ist viel Gedenkarbeit zu leisten: Friedensschluss 1648, Revolution 1848, Kriegsende 1918, „1968“. Die Reihe ließe sich beliebig verlängern.

          Während einige dieser Ereignisse ganz erwartbar eine große Aufmerksamkeit finden, sind die Märztage 1848 mehr vergessen als diskutiert worden. Weshalb ist das so? Die Frage stellt sich umso dringender, wenn man die Beobachtung ergänzt, dass 1958 oder 1978 ganz anders mit diesen Ereignissen umgegangen wurde als heute. Offenbar kann die Vergangenheit eine ganz unterschiedliche Gegenwartspräsenz entfalten. Das zu untersuchen und damit zum Verstehen vergangener und gegenwärtiger Zeiten beizutragen ist eine zentrale Aufgabe der Geschichtswissenschaften.

          Dazu hat Katrin Hammerstein jetzt eine Dissertation vorgelegt, die sich mit der Erinnerung an den Nationalsozialismus befasst. Den zahlreichen bereits vorliegenden Studien will sie Neues hinzufügen, indem sie die staatliche Geschichtspolitik in Österreich, der Bundesrepublik und der DDR zugleich in den Blick nimmt. Ihre Befunde zeigen einmal mehr, dass die Gleichsetzung der deutschen Geschichte nach 1945 nur mit der bundesrepublikanischen eine verkürzte Perspektive ist. Vielmehr macht die Autorin zahlreiche Ähnlichkeiten und wechselseitige Bezüge in jenen Ländern aus, die einst zum Kern des „Großdeutschen Reiches“ gehört hatten.

          Wenig überraschend ist, dass alle sich vom Nationalsozialismus distanzierten. Es verblüfft dagegen zu lesen, dass der österreichische Bundeskanzler Vranitzky 1986 eine Rede hielt, die streckenweise das Plagiat eines Zeitungsartikels aus der Feder Habermas’ war. Es gab sogar Orte der Denkmalskonkurrenz. Im österreichischen Mauthausen hatte die DDR bereits 1967 ein Denkmal errichtet. Als die Leerstelle westdeutschen Gedenkens öffentlich wurde, setzte die Bundesrepublik 1983 ihr eigenes Denkmal. Österreich wiederum nahm das zum Anlass, um zum 45. Jahrestag des Einmarsches der Wehrmacht Wiedergutmachung zu fordern.

          Diese verschiedenen Reaktionen waren Folge der erheblich voneinander abweichenden erinnerungspolitischen Großwetterlage in den drei Staaten. Die bundesdeutsche und österreichische Demokratie ermöglichte einen Debattenpluralismus, wenn auch hier nicht alles sagbar war und abweichende Äußerungen heftig bekämpft wurden. In der SED-Diktatur hingegen konnte sich eine kritische Öffentlichkeit bis 1989 nicht durchsetzen.

          Alle drei Staaten waren aus dem Geist des Dagegen gegründet worden, verkörperten in ihrer Abgrenzung vom Nationalsozialismus allerdings ganz unterschiedliche Leitideen. Wien sah sich als erstes Opfer des Reiches, eine Position, die unter Rückgriff auf den entsprechenden Wortlaut der Moskauer Deklaration der Alliierten von 1943 beglaubigt werden konnte. Daher lehnte es zunächst eine Verantwortung für die NS-Verbrechen ab, brachte aber das Kunststück fertig, den zurückkehrenden Kriegsgefangenen Entschädigungszahlungen zu leisten. Die DDR verstand sich ebenfalls als befreiter Staat, der mit einer antifaschistischen Grundhaltung die richtigen Lehren aus der Geschichte gezogen hatte. Der Fokus der Erinnerung lag dementsprechend auf dem kommunistischen Widerstand. In der Bundesrepublik hatte sich dagegen ein antitotalitaristischer Grundkonsens ausgebildet, mit dem sowohl Nationalsozialismus als auch Kommunismus auf Distanz gehalten wurden. Zugleich beanspruchte Bonn die Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches, weshalb es die politische Verantwortung für die Verbrechen vor 1945 in Teilen übernahm.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          K-Frage der Union : Der entspannte Herr Söder

          In einem Auftritt vor der Presse gibt sich CSU-Chef Markus Söder auffallend konziliant und bekundet „Respekt vor allen Gremien“ der CDU. Sieht so jemand aus, der fürchten müsste, dass sich die Schwesterpartei am Abend gegen ihn ausspricht?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.