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Katholische Intellektuelle : Rigides Denken und frommes Lenken

  • -Aktualisiert am

Schweizer Garde am 25. September 2016 auf dem Petersplatz Bild: dpa

Eugen Kogon, der spätere Autor des „SS-Staates“ und einflussreiche linkskatholische Publizist, sprach vom „kapitalistischen Sklavenstaat“ und beurteilte die Ideen einer körperschaftlich organisierten Wirtschaft positiv.

          In seiner grandiosen Dystopie „Unterwerfung“ lässt Michel Houellebecq den islamischen Präsidenten Frankreichs Mohammed Ben Abbes den Distributismus als Wirtschaftsprogramm verkünden. Spitz bemerkt Houellebecq, dass die Journalisten diese von Gilbert Keith Chesterton und Hilaire Belloc entworfene ökonomische Philosophie zunächst nicht aufgriffen, weil Journalisten ignorierten, was sie nicht verstünden. Jetzt können sie bei Johannes Tröger nachschlagen, der das Programm konservativer englischer Katholiken in einer vergleichenden Ideengeschichte entfaltet.

          Der englische Distributismus fand seine Entsprechungen beim österreichischen Volkswirtschaftler Othmar Spann und deutschen katholischen Intellektuellen. Gemeinsam war die Ablehnung von Kapitalismus und Sozialismus. Tröger gelingt es aber auch, einige grundlegende Unterschiede zwischen deutschen und österreichischen Katholiken auf der einen und englischen Katholiken auf der anderen Seite herauszuarbeiten. Diese gehörten zu einer kleinen Minderheit, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung von England und Wales betrug nur rund fünf Prozent. Eine politische Theorie katholischer Observanz entwickelten in England auch eigentlich erst Chesterton und Belloc. Sie konzentrierten sich dabei stark auf die Wirtschaftsordnung, die Überwindung des Kapitalismus. Der Sozialismus war ihnen keine Alternative, sondern letztlich nur eine Spielart der kapitalistischen Verwertungslogik. An ihre Stelle sollte eine Gesellschaft von familiär geprägten Kleineigentümern treten, eine neue „peasantry“. Das Ideal war das christliche Mittelalter als ein Gipfelpunkt der Geschichte.

          In Österreich und Deutschland war die Orientierung am Mittelalter zwar ähnlich, die Zentralbegriffe waren aber Reich und Stand, die unterschiedlich ausbuchstabiert wurden. Mit dem dann verwirklichten „Dritten Reich“ hatte das wenig gemein. Philosophen wie Dietrich von Hildebrand sahen im Nationalsozialismus nur eine weitere Form des Liberalismus, den Gegensatz zum Bolschewismus hielt Hildebrand für eine falsche Antithese. Im Nationalsozialismus komme der Darwinismus, im Bolschewismus der Materialismus der liberalen Epoche zum Tragen. Im Kern handelte es sich bei diesem Ansatz um eine frühe katholische Totalitarismustheorie und den Nukleus des Konzepts politischer Religion. Waren diese Konzepte nach 1945 durchaus anschlussfähig, so konnte die Reichsidee nur in der Idee des Abendlands fortleben, der Distributismus blieb ein Randphänomen. Zwar ist die Kapitalismuskritik in der katholischen Kirche bis heute lebendig, gleichwohl bewegte sich die katholische Soziallehre auf die Soziale Marktwirtschaft unter Betonung der Sozialbindung des Eigentums zu. Weder in der wegweisenden Sozialenzyklika „Rerum Novarum“ (1891) noch in der Enzyklika „Quadragesimo anno“ (1931) wurde der Kapitalismus schlechthin verurteilt.

          Die von Tröger betrachteten Intellektuellen gingen in ihrer Kapitalismuskritik zumeist deutlich weiter. Auch Eugen Kogon, der spätere Autor des „SS-Staates“ und einflussreiche linkskatholische Publizist, sprach vom „kapitalistischen Sklavenstaat“ und beurteilte dabei die Ideen einer körperschaftlich organisierten Wirtschaft, wie sie Othmar Spann entfaltete, durchaus positiv. Dabei wurden von einigen durchaus Verdienste von Karl Marx bei der Entlarvung der kapitalistischen Ideologie zugebilligt, man sah den Sozialismus aber nur als eine weitere Spielart der verderblichen mechanistischen und materialistischen Weltanschauung.

          Zeitigte das vom Jesuitenpater Oswald von Nell-Breuning konzipierte Rundschreiben „Quadragesimo anno“ einen indirekten deutschen Einfluss auf die englischen Denker, so ging die Rezeption insgesamt stärker in die andere Richtung, wie Tröger zeigt: Hilaire Bellocs „The Servile State“ wurde ebenso wie die Werke Chestertons und Dawsons ins Deutsche übersetzt. Freilich wurden auch Peter Wust und Carl Schmitt ins Englische übertragen.

          Zu vielen der behandelten Autoren gibt es bereits eine üppige Literatur. Martin Mosebach hat hierzulande wieder die Aufmerksamkeit auf G. K. Chesterton gelenkt. Gerade die englischen katholischen Intellektuellen entfalten einen besonderen Reiz, da sie in der Mehrzahl Konvertiten waren, sich also unter den Bedingungen der Moderne dem klaren geschlossenen katholischen Glaubenssystem zuwandten. Christopher Dawson konvertierte 1914, Chesterton 1922, Christopher Hollis wurde 1924 und Evelyn Waugh 1930 katholisch. Die Konversion erklärt die Rigidität ihres Denkens. Waugh lehnte später auch die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils ab.

          Ob man die Autoren aber als „rechts“ bezeichnen kann, bleibt fraglich. Tröger selbst scheint Zweifel zu haben. Einzelne Intellektuelle wie Carl Schmitt kann man sicherlich so etikettieren, hier steht dann aber das „Attribut“ katholisch im Zweifel. Tröger bezeichnet das ganz und gar moderne, gerade nicht an der mittelalterlichen Scholastik und der Naturrechtslehre orientierte Denken Schmitts im Einklang mit der Forschung zu Recht als „postkatholisch“.

          Das schlanke Buch konnte manche Eierschalen umständlich-akademischen Formulierens und des Namedroppings nicht abstreifen. Methodisch ist es dabei nicht entschieden. Gerade für den Krisendiskurs der Zwischenkriegszeit könnte der Ansatz der Cambridge School der Ideengeschichte von Quentin Skinner mit Gewinn fruchtbar gemacht werden. Er wird zwar zitiert, aber nicht richtig ernst genommen: Eine Betonung des Antwortcharakters der untersuchten Theorien auf die Herausforderungen der Moderne und des Sprachhandlungswillen der behandelten Autoren sowie eine genauere historische Kontextualisierung hätten der Studie gutgetan. Gleichwohl zeigt der Band einmal mehr, wie faszinierend Ideengeschichte sein kann. Eine Linie von Chesterton zu einem fiktiven muslimischen Präsidenten an der Spitze Frankreichs zu ziehen, bleibt dabei natürlich Ausnahmeschriftstellern wie Houellebecq vorbehalten.

          Johannes Tröger: Kulturkritik und Utopie. Das Denken rechter katholischer Intellektueller in Deutschland und Großbritannien 1918-1939. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2016. 232 S., 22,90 €.

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