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Katalonien : Die emotionalisierte Gesellschaft

  • -Aktualisiert am

Aus der Ferne ganz friedlich: Barcelona im März 2021. Bild: dpa

Wie Emotionen zielgerichtet eingesetzt wurden, um einen Konflikt anzuheizen. Spanien leidet bis heute darunter.

          4 Min.

          Im Herbst 2017 blickte die Weltöffentlichkeit gebannt auf die dramatischen Ereignisse in Katalonien, die nach der Abhaltung eines durch das spanische Verfassungsgericht untersagten Referendums in der Unabhängigkeitserklärung vom 27. Oktober gipfelten. Wie hatte es zu dieser Eskalation kommen können, zumal Katalonien seit 1979 weitgehende, von der Verfassung garantierte Kompetenzen als autonome Gemeinschaft genießt?

          Politische Analysen legen das Augenmerk auf die Ereignisse nach 2010, als das spanische Verfassungsgericht einige der im 2006 neu ausgehandelten Autonomiestatut enthaltenen Bestimmungen verwarf. Die Gemüter erregten sich insbesondere hinsichtlich der Bezeichnung Kataloniens als Nation. Damals kam eine durch breite katalanische Gesellschaftsschichten getragene Bewegung in Gang, die auf die Lossagung von Spanien abzielte und zuweilen mehr als eine Million Menschen auf die Straßen trieb. Um diesen Prozess zu erklären, rückt die Historikerin Birgit Aschmann die Emotionen in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung. Damit knüpft sie an ein in der Geschichtswissenschaft seit Jahren intensiv bearbeitetes Forschungsfeld an.

          Nach einem historischen Abriss über die Ursprünge des Konflikts beschreibt Aschmann eindringlich, wie die Saat bereits unter dem langjährigen katalanischen Ministerpräsidenten Jordi Pujol gelegt wurde, der mit Erlangung der Autonomie ein dezidiertes Programm der Katalanisierung der Gesellschaft vorantrieb, das zwei Stoßrichtungen hatte: die emotionale Abgrenzung gegenüber dem Zentralstaat und den Spaniern sowie die Schaffung einer nationalen Identität. Damit beleuchtet Aschmann eine weniger thematisierte Facette des Wirkens von Pujol, das vor allem mit dem Ringen um eine Ausweitung des politischen Handlungsspielraums im Rahmen der spanischen Verfassung in Verbindung gebracht wird.

          Mit dieser erfolgreichen Strategie war der Boden bereitet, als mit dem Aufstieg der im Parteienspektrum links verorteten Esquerra Republicana de Catalunya (ERC) ein Paradigmenwechsel erfolgte und die Unabhängigkeit auf die politische Agenda gelangte.

          Der Sogkraft der Emotionalisierung konnte sich nicht einmal die Geschichtswissenschaft entziehen, indem sich selbst renommierte Historiker in den Dienst des politischen Projekts und der Wahrnehmung Kataloniens als einer seit 300 Jahren durch Kastilien unterdrückten Nation stellten. Dies mag, wie Aschmann betont, aufgrund des wissenschaftlichen Selbstanspruchs des Faches zu Recht befremden, doch zeigt sich hierin einmal mehr, wie auch die Historiographie zeitbedingten Deutungen in spezifischen politischen und sozialen Umfeldern unterworfen ist. Katalonien ist beileibe kein Einzelfall. Das Gleiche lässt sich auch für die spanische Geschichtsschreibung konstatieren, wo ideologisch bedingte Deutungen unversöhnlich einander gegenüberstehen. Die Geschichte ist Teil der Gegenwart, nicht zuletzt wenn es um Fragen der nationalen Identität geht.

          Aschmann arbeitet überzeugend heraus, wie von 2010 an gezielt und erfolgreich ein durch die zivilgesellschaftlichen Organisationen Òmnium Cultural und Assemblea Nacional Catalana orchestriertes emotionales Regime aufgebaut wurde, das sich von Gewalt als Mittel des Protests abwandte und Jahr für Jahr an Zulauf gewann. Es ging um eine von einer Welle der Begeisterung getragene „Revolution des Lächelns“. Gerade deren Friedfertigkeit stellte die spanische Justiz im Nachgang vor Probleme, wird doch für die Erfüllung des Tatbestandes des Aufruhrs die Anwendung von Gewalt vorausgesetzt.

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