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Kandidat : Wie er wurde, was er ist

Jens Spahn Bild: Andreas Pein

Eine Biographie über einen so jungen Mann? In der Politik kein Problem und jetzt sogar brandaktuell

          Es gibt in der Branche einen Begriff für so etwas, man nennt es Reporterglück. Da recherchiert ein Journalist wochenlang an einem Thema, und kaum dass er genügend Material für eine Veröffentlichung beisammen hat, geht das Sujet durch einen unvorhergesehenen Anlass publizistisch durch die Decke – es könnte nicht besser laufen. Wenn man es so sieht, dann hat Michael Bröcker, der Chefredakteur der „Rheinischen Post“, mit seiner Biographie über Jens Spahn gerade ganz großes Reporterglück erlebt. Ende September wurde das Buch in Berlin vorgestellt, einen Monat später kündigte die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel an, die Parteiführung abzugeben – und Jens Spahn war mit einem Mal nicht mehr nur ein aufstrebender Jungkonservativer, dem manche in mittlerer Zukunft mehr zutrauen als die Führung des Bundesgesundheitsministeriums. Spahn hob die Hand als einer von drei ernstzunehmenden Kandidaten um die Nachfolge Merkels. Auch wenn es inzwischen so aussieht, als würde Spahn Merkel beim Parteitag Anfang Dezember nicht beerben können, so kommt man in diesen Tagen doch kaum an Bröckers Buch vorbei, um zu verstehen, wie dieser Jens Spahn wurde, was er ist.

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Bröcker zeichnet detailliert nach, wie der 1980 im Münsterland geborene Spahn im konservativen Milieu sozialisiert wurde, wie er als Schüler die Freude an der Debatte entdeckte, deren frühes Zeugnis ein scharfzüngiger Leserbrief in der Lokalzeitung war, zum Umgang mit der Kernenergie. Offenbar hatte Spahn die Wirkung der Zeilen unterschätzt, so schildert er es jedenfalls seinem Biographen. Und dieses Muster – Spahn spitzt zu und wundert sich dann, was alles so passiert – zieht sich nach Darstellung Bröckers bis in die Gegenwart. Noch heute sei es so, dass Spahn von der Wucht mancher Äußerung überrascht werde. Der Biograph sieht das glücklicherweise angemessen kritisch: „Spahn liebt die sprachliche Zuspitzung. Aber er will sie unter Kontrolle haben. Eine naive Vorstellung.“ Noch aufschlussreicher als die Genese des Debattierers Spahn ist allerdings die Rekonstruktion eines Musters in Spahns politischer Biographie. Es besteht darin, dass Politik für Spahn vor allem bedeutet, sich gegen Konkurrenten durchzusetzen – und nicht zu warten, bis er „dran ist“. Das ist in der CDU, in der Kampfkandidaturen vergleichsweise selten sind und viele Personaltableaus im Vorfeld in den Gremien abgestimmt werden, nicht das übliche Vorgehen. Als Spahn kürzlich ankündigte, für den Parteivorsitz zu kandidieren, brach er nicht erst zum zweiten Mal mit dieser Kultur in der CDU. Das Mal zuvor haben viele gewiss noch in Erinnerung, im Dezember 2014 setzte sich Spahn spektakulär gegen Hermann Gröhe durch, als es darum ging, wer von den beiden in das Präsidium der Partei einzieht. Spahn gewann, und zwar gegen den Willen von Parteichefin Angela Merkel und des Landesvorsitzenden in Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet. Zu diesem Zeitpunkt hatte Spahn bereits gute Erfahrungen mit Kampfkandidaturen gemacht. Bröcker rekonstruiert, wie es dem gelernten Bankkaufmann (und späterem Fernstudenten der Politikwissenschaft) gelang, sich zunächst gegen etablierte Parteimitglieder als Kandidat für die Bundestagswahl 2002 durchzusetzen. Indem Spahn früh Netzwerke knüpfte, sich als frischer Kandidat gegen das graue Establishment inszenierte und schließlich seine meist jungen Unterstützer in der Partei mit Bussen zur Mitgliederversammlung karren ließ, damit die dort für ihn stimmen, wurde Spahn zum Kandidaten erkoren. Nachdem er den Einzug in den Bundestag geschafft hatte, griff Spahn nach dem Kreisvorsitz in seiner Heimat Borken. Wieder eine Kampfabstimmung, wieder war Spahn der junge Wilde, wieder hatte er eine Mehrheit – auch wenn die denkbar knapp ausfiel, 134 zu 133 Stimmen. Über diese Zeit schreibt Bröcker, sie habe Spahn „politisch gestählt“, das sei ihm bis heute anzumerken. Wer könnte dem in diesen Tagen widersprechen?

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