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Kairo 2011 : Aus persönlicher Perspektive

Jubel nach dem Sturz Präsident Mubaraks 2011. Bild: dapd

Es waren Tage der Hoffnung. Ein Amerikaner erlebt den Umsturz in Ägypten.

          5 Min.

          Aus medialer Perspektive war Ägypten das Zentrum der Arabellion. Auf den dramatischen Geschehnissen rund um den Kairoer Tahrir-Platz lag von Januar 2011 an das Hauptaugenmerk der weltweiten Berichterstattung. Seit der damalige Verteidigungsminister Abd al Fattah al Sisi jedoch im Sommer 2013 den islamistischen Präsidenten Muhammad Mursi gestürzt und die Proteste von dessen Anhängern blutig niedergeschlagen hat, ist es in den Medien ruhiger geworden um das bevölkerungsreichste arabische Land. Das hängt mit der derzeitigen bleiernen Stille in Ägypten zusammen, aber auch mit veränderten regionalen Rahmenbedingungen – der politische Schwerpunkt liegt mittlerweile weiter östlich, in der Golfregion.

          Christian Meier
          Politischer Korrespondent für den Nahen Osten und Nordostafrika.

          Ungeachtet dessen, bleiben die Jahre der Tahrir-Revolution und ihres Scheiterns wichtig und prägend, und so verwundert es, dass es auf Deutsch bislang – anders als im englischen Sprachraum – keine große Darstellung dieser Zeit gibt. Nun liegt zumindest ein Werk in Übersetzung vor. Um es vorwegzunehmen: Auch Peter Hesslers „Die Stimmen vom Nil. Eine Archäologie der ägyptischen Revolution“ kann diese Lücke nicht schließen. Der Autor strebt das aber auch gar nicht an. Die Qualitäten seines Buchs liegen jenseits der Aufarbeitung des Tagesgeschehens: Es setzt auf einer fundamentaleren Ebene an, um die Entwicklungen in Ägypten zu schildern und zu verstehen.

          Hessler lebte mehrere Jahre lang als Korrespondent des „New Yorker“ in Ägypten. In der Tradition dieser Zeitschrift nähert er sich auch dem Thema: in einer Mischung von Reportage und Analyse mit autobiographischen Elementen. Der 1969 geborene Journalist nimmt keine Vogelperspektive ein, sondern richtet die Erzählung zum großen Teil an selbst Erlebtem aus. Das beeinflusst und beschränkt natürlich die Perspektive, und tatsächlich unterläuft Hessler wiederholt die Erwartungen des Lesers. An allererster Stelle fehlt eine Darstellung der Revolution selbst, denn Hessler und seine Familie zogen erst im Herbst 2011 nach Kairo – gut ein halbes Jahr nach Mubaraks Sturz. Auch andere wichtige Ereignisse wie Sisis Putsch-Rede oder das Massaker auf dem Rabia-al-Adawiya-Platz im Sommer 2013 werden nur am Rande geschildert. Und anstelle etwa mit einer Szene vom Tahrir-Platz beginnt das Buch mit einem Kapitel darüber, wie die Revolutionstage Anfang 2011 in Abydos erlebt wurden – einer in der oberägyptischen Provinz gelegenen Ausgrabungsstätte.

          Das alles ist natürlich weder Inkompetenz noch dem Zufall geschuldet, denn Hessler ist ein meisterlicher Reporter. Er betritt nur gewissermaßen gerne das Haus durch den Nebeneingang. Vor allem aber nutzt er seine selbstgewählte Beschränkung, um die Aufmerksamkeit auf andere Phänomene zu lenken: So bietet das Buch etwa eine eingehende Beschreibung des Kairoer Müllentsorgungssystems. Hessler geht es dabei aber nicht um die oft erzählte Leidensgeschichte der „Zabbalin“ – der christlichen Kopten, die den Müll in ihren Wohngebieten sammeln und händisch sortieren –, sondern um ein Beispiel dafür, wie Modernisierungsprojekte in Ägypten aufgrund von Inkompetenz und mangelnder Weitsicht scheitern. Das gilt für die gesamte Stadtentwicklungspolitik mit ihren Träumen von glitzernden Wüstenstädten und der weitaus tristeren Realität ungeplanter Viertel, in denen viele Millionen leben, streng genommen illegal. Das Mubarak-Regime „war autoritär, ohne viel Autorität zu besitzen, und zeigte überdies eine gewisse Neigung zur Fantasterei“, schreibt Hessler, was als Erklärung für das scheinbare Chaos in Kairo und das häufige Auseinanderklaffen von Wunsch und Wirklichkeit taugt.

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