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Kabarett in der DDR : Spaßbremse

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Requisit der Filmstudios in Potsdam-Babelsberg aus dem Film „Bridge of Spies - Der Unterhändler“ Bild: dpa

Das „Pfeffermühle“-Programm zum 30. Jahrestag der DDR-Gründung wurde wegen eines lobenden F.A.Z.-Artikels im März 1979 abgesetzt. Erich Honecker griff ein und verlangte, dass sein Name künftig nicht mehr in Kabarettprogrammen genannt werden solle.

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          Während der SED-Herrschaft erfreute sich das Kabarett großer Beliebtheit. Die zwölf Berufsensembles - darunter „Distel“ (Ost-Berlin), „Pfeffermühle“ (Leipzig) und „Herkuleskeule“ (Dresden) - registrierten 1984 über 515 000 Zuschauer. Daneben lockten 300 Laiengruppen 1,5 Millionen Besucher pro Jahr an. Wie bewertete das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) die Arbeit des Kabaretts, welche Vorgaben machten SED-Obere, wie funktionierte die Überwachung? Diesen Fragen geht Christopher Dietrich in seiner detailverliebten Studie nach, die immer dann überzeugt, wenn neben der Suche nach IM-Einsätzen und Kontrollmechanismen einzelne Programme konkret ins MfS-Visier gerieten und vom Autor mit Zitaten beschrieben werden. Vollständige Verbote waren aber die Ausnahme: „Bei mehr als 400 Programmen von Berufskabaretts zwischen 1953 und 1989 lag ihr Anteil bei unter fünf Prozent.“

          Der grauen DDR-Theorie nach sollte Satire nach außen eine Waffe gegenüber dem Klassenfeind in Bonn am Rhein sein und nach innen „Arbeiter und Bauern“ erziehen. An Letzterem schieden sich trotz Selbstzensur und „ideologischer Berater“ der Ensembles überforderte MfS-Geister .Das „Pfeffermühle“-Programm zum 30. Jahrestag der DDR-Gründung wurde übrigens wegen eines lobenden F.A.Z.-Artikels im März 1979 abgesetzt. Erich Honecker griff ein und verlangte, dass sein Name künftig nicht mehr in Kabarettprogrammen genannt werden solle. Und als zwei Stars aus dem Westen, Werner Schneyder und Dieter Hildebrandt, 1982 in Leipzig gastierten, sollen sie sich lokalen „Zensurmechanismen nicht vollständig“ entzogen haben. Generell habe sich die Staatssicherheit bemüht, „die Gefahr öffentlicher Eklats zu minimieren“; daher gab es oft ein „Feilschen um einzelne Formulierungen“. Seit den siebziger Jahren hätten die DDR-Kulturverantwortlichen den Ensembles gewisse Freiheiten erlaubt und dabei die Eigendynamik der künstlerischen Prozesse beim „spöttischen Umgang mit den Mängeln in der DDR“ unterschätzt. Das informative Buch ist leider schlampig hergestellt: Auf 16 weißen Seiten fehlt Text, ausgerechnet im Abschnitt über „Theoretische Grundlagen der Zensur“!

          Christopher Dietrich: Kontrollierte Freiräume. Das Kabarett in der DDR zwischen MfS und SED. Bebra-Verlag, Berlin 2015. 736 S., 36,- €.

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