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Judenverfolgung Bad Harzburg : Gemäßigter als anderswo?

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Gedenktafel auf dem Bad Harzburger Friedhof für die Opfer der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft Bild: Abb.a.d.bespr.Band

Hatte der Anspruch des „Weltbades“ die jüdischen Gäste während der Kaiserzeit noch weitgehend vor Diffamierungen geschützt, änderte sich dies zusehends in der Weimarer Republik. Es kam zu antisemitischen Schmierereien, und der Ort sah sich in der Presse als „Judenbad“ angefeindet.

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          „Weltbad“ Bad Harzburg! Was heute schmunzeln lässt, war um 1900 durchaus ernst gemeint und ein weitverbreitetes Phänomen. Als beispielsweise im verschlafenen emsländischen Geeste Versuchsteiche zur Massenfischerei angelegt wurden, frohlockte die örtliche Presse 1902, der Ort erhalte noch „Weltruf“. Aber dem war nicht so. Für die jüdischen Gäste des Nordharzer Urlaubsortes sollte gerade dieser Anspruch des „Weltrufs“ zeitweise entscheidende Auswirkungen haben, wie der Geschichtslehrer Markus Weber zeigt. Er hat eine vielfach geförderte Untersuchung zu Antisemitismus und Akzeptanz in Bad Harzburg zwischen 1850 und 1950 vorgelegt.

          Bereits 2003 rückte Frank Bajohr mit seiner Studie „Unser Hotel ist judenfrei“ eine lange gern vergessene Erscheinungsform in der Geschichte der Judenfeindschaft in Deutschland in den Fokus: den „Bäder-Antisemitismus“ im 19. und 20. Jahrhundert. Wie die Bezeichnung ahnen lässt, gab es Urlaubsorte, in denen sich Hoteliers und Tourismusfunktionäre betont judenfeindlich gaben, um vor allem um eine deutsch-nationale Kundschaft zu buhlen. Besonders aggressiv ging es auf der beliebten Nordseeinsel Borkum zu, deren Verantwortliche fast alles taten, um jüdische Gäste zu vergraulen.

          Anders verhielt es sich noch in Bad Harzburg. Die kleine Stadt profitierte seit Mitte des 19. Jahrhunderts vom aufkommenden Tourismus, den sich in dieser Zeit zumeist eine zahlungskräftige, bürgerliche Elite leisten konnte. Die hohen Herrschaften aus den boomenden Großstädten waren gerngesehene Gäste. Die mondäne und teils internationale Kundschaft bestärkte die Harzburger darin, „Weltbad“ zu sein. Unter den Gästen befanden sich selbstverständlich auch jüdische Menschen, und Weber schätzt, dass diese zirka zehn Prozent ausmachten. Ihre religiöse Einstellung reichte von säkularisiert bis orthodox und deckte dazwischen fast jede Schattierung ab. „Den“ jüdischen Touristen gab es nicht. Dabei verfügte Bad Harzburg nicht über eine eigene jüdische Gemeinde. Aber mit den jüdischen Touristen siedelten sich auch religiös ausgerichtete Restaurationen und Hotels an. In den 1890er Jahren ließ etwa ein jüdischer Hotelier in seinem Park die erste Synagoge des Ortes errichten.

          Hatte der Anspruch des „Weltbades“ die jüdischen Gäste während der Kaiserzeit noch weitgehend vor Diffamierungen geschützt, änderte sich dies zusehends in der Weimarer Republik. Es kam zu antisemitischen Schmierereien, und der Ort sah sich in der Presse als „Judenbad“ angefeindet. Die Zeit des exklusiven Reisens war vorüber, und Bad Harzburg stand in den 1920er Jahren an der Schwelle zum Massentourismus. Die Herkunft der Gäste wurde vielschichtiger und die Zeiten radikaler. Wer anständig „deutsch“ sein wollte, musste mehr oder weniger auch antisemitisch denken. Das einzige jüdische Mitglied verließ 1928 entnervt den örtlichen Schützenverein – auch wegen judenfeindlicher Stänkereien. Einige Hotels begannen, bewusst auf eine nichtjüdische Kundschaft zu setzen.

          Bad Harzburg war keine „Insel der Glückseligen“, auch wenn Weber betont, die Situation sei gemäßigter gewesen als in manch anderen Urlaubsbädern. In der politischen und wirtschaftlichen Krise ab 1930 verschärfte sich das gesellschaftliche Klima. Die Parteien der reichsweiten „Nationalen Front“, die sich 1931 in der Stadt gründete und zu der auch die NSDAP gehörte, konnten bis 1932 etwa zwei Drittel aller Stimmen der Harzburger auf sich vereinigen.

          Mit der Machtübernahme der NSDAP wechselte auch in Bad Harzburg die teils verdeckte, teils offene private Diskriminierung zur offenen Verfolgung. Mindestens 35 Jüdinnen und Juden lebten 1933 im Ort. Sie sahen sich in den kommenden Jahren zunehmend Beleidigungen, Enteignungen, Vertreibungen und der KZ-Haft ausgesetzt. Die Zeit des „Weltbades“ war endgültig vorüber. Nur selten stellten sich anfangs die Einwohner noch schützend vor ihre jüdischen Gäste. Die Verfolgung wurde zunehmend offen oder verdeckt gutgeheißen und unterstützt – auch durch Bürgerinnen und Bürger aus Bad Harzburg.

          Weber verortet seine Befunde kenntnisreich und treffend in den politisch-sozialen Entwicklungen dieser Zeit. Er hat wertvolle Grundlagenforschung geleistet. Diese führt aber mitunter dazu, dass die Befunde zu einer aufzählenden Vorstellung jüdischer Geschäfte, Hotels oder Arztpraxen werden. Manche Leser mögen raffende Zwischenergebnisse oder ein zusammenführendes Fazit vermissen. So stehen die einzelnen Epochen in den fast 100 Jahren vom Kaiserreich bis zur Nachkriegszeit der 1950er Jahre etwas desperat nebeneinander. Was in der reichhaltigen Bebilderung fehlt, sind die Menschen. Es gibt über 100 Abbildungen, aber die meisten zeigen Postkartenmotive oder Zeitungsausschnitte, aber kaum Fotos von den Personen, um die es Weber letztlich geht. Nichtsdestotrotz hat Weber ein gutes und ausgewogenes Buch auf der Basis intensiver Recherchen vorgelegt, welches die Forschung zum „Bäder-Antisemitismus“ weiter ergänzt und differenziert.

          Markus Weber: Das ist Deutschland . . . und es gehört uns allen. Juden zwischen Akzeptanz und Verfolgung im Kurort Bad Harzburg. Appelhans Verlag, Braunschweig 2016. 288 S., 19,80 €.

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