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Iran : Widerstandsfähig und flexibel

Junge Iranerinnen pflegen die Erinnerung an Ajatollah Chomeini Bild: Getty

1979 hätte kaum jemand für möglich gehalten, dass der „Gottesstaat“ seinen 40. Jahrestag erleben würde. Jetzt ist es soweit.

          Kein anderes Ereignis hat seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Nahen Osten so verändert wie es die iranische Revolution von 1979 getan hat. Damals fegte eine Massenbewegung die 2500 Jahre alte persische Monarchie hinweg, die Pax Americana im Nahen Osten wurde in ihren Grundfesten erschüttert. In anderen autoritären Staaten der Region sahen die Menschen, dass es möglich ist, verhasste Diktatoren zu stürzen – und an ihrer Stelle eine islamische Ordnung zu errichten.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Am 1. Februar 1979 kehrte der charismatische Ajatollah Chomeini triumphal aus seinem Exil zurück. Am 11. Februar brach die alte Ordnung endgültig zusammen. Er steuerte in den letzten Wochen der Proteste, in der sich fast die Hälfte der iranischen Bevölkerung beteiligt hat, die Revolution so meisterhaft zu seinem Vorteil, dass er sich an die Spitze einer neuen Islamischen Republik setzen konnte.

          Der neuen Islamischen Republik hatten die meisten ein nur kurzes Leben prophezeit. Schließlich hatten sich nach ihrer Gründung gewaltige innere Spannungen in viel Blutvergießen entladen, und die Republik sah sich mächtigen äußeren Feinden gegenüber – vor allen den Vereinigten Staaten und den arabischen Nachbarn. Dennoch hat sich die Islamische Republik widerstandsfähig und flexibel genug gezeigt, um sich bis heute zu behaupten. Den Gründen, weshalb das so ist und weshalb sich zuvor innerhalb der breiten revolutionären Bewegung der islamische Flügel durchgesetzt hat, geht der in Australien lehrende Politikwissenschaftler Amin Saikal in einer Monographie nach, an der nicht vorbeikommt, wer sich über das Tagesgeschehen hinaus mit der Islamischen Republik beschäftigt.

          Der aus Afghanistan stammende Saikal macht für den Verlauf der Revolution vier Faktoren verantwortlich. Zunächst zeichnet er nach, wie massiv seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts Briten, Russen und schließlich Amerikaner in die Geschicke des Landes eingegriffen haben, so dass der Schah, der sein ambitioniertes Modernisierungsprogramm zudem nur schlecht umsetzte, nur noch als Marionette des Auslandes wahrgenommen wurde. Zweitens war Chomeini der nationalreligiöse und politische Held vieler Iraner, wozu sein „mystisches Charisma“, sein „messianisches, unbesiegbares Image“ sowie seine „impulsive und unzweideutige Sprache“ beigetragen haben. Anziehend war drittens Chomeinis Ideologie, die die soziale Gerechtigkeit zum Thema machte. Sie stellt den Unterdrücker und die Habenichtse gegenüber, deren Los zu verbessern Aufgabe der religiösen Herrschaft (velayat-e faqih) sei. Viertens haben die informellen Strukturen des schiitischen Islams die Massen mobilisiert und das organisatorische Rückgrat der Revolution gebildet.

          Die Islamische Republik war von Beginn an janusköpfig konzipiert, im Staatsaufbau wie ideologisch. So ist der Revolutionsführer politisch mächtiger als der Präsident, der Beraterkreis um den Revolutionsführer mächtiger als das Kabinett, die Revolutionswächter mächtiger als die Armee, die religiösen Stiftungen in den Händen der Revolutionäre mächtiger als die privaten Unternehmen. Wie ein Cantus firmus durchzieht Saikals Buch zudem das ideologische Begriffspaar jihadi und ijtihadi. Mit jihadi umschreibt er den revolutionären Einsatz für die Islamische Republik. Das sind jene, die die Herrschaft des Islams und den Export der Revolution wollen. So hatten die Führer der Revolution zum letzten Mittel gegriffen und Zehntausende Dissidenten liquidiert, und die einfachen Gefolgsleute waren bereit, im Krieg gegen den Irak für die neue Ordnung zu sterben.

          Saikal stellt den jihadis jene gegenüber, deren Ansatz er ijtihadi nennt. Der Begriff bezeichnet im Islam die eigenständige Urteilsfindung, die dem Zweck dient, die Praktizierung der Religion an neue Rahmenbedingungen anzupassen. Den revolutionären Hardlinern stellt er damit flexible und pragmatische Reformer gegenüber, die jedoch die Islamische Republik an sich nicht in Frage stellen. Saikal schreibt, Chomeini sei realistisch genug gewesen zu erkennen, dass eine repressive Durchsetzung des Islams scheitern würde. Daher habe bereits er einen gewissen Pluralismus zugelassen.

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