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Josip Broz Tito : Stahlharte Mythen

An Titos Grab versammelten sich noch einmal alle maßgebenden Politiker der Welt. Bild: Mauro Galligani/contrasto/laif

Der neuen Biographie des jugoslawischen Staatschefs Josip Broz Tito hätte etwas mehr Distanz zum Titelhelden nicht geschadet.

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          Josip Broz, der unter seinem Kampfnamen „Tito“ bekanntere einstige Staatschef Jugoslawiens, hat drei Jahrzehnte nach seinem Tod eine gewisse Konjunktur. Eine 2016 in deutscher Übersetzung erschienene Biographie des slowenischen Historikers Jože Pirjevec, mehr als 700 Seiten stark, wurde ungeachtet ihrer quellenkritischen Mängel in den Medien weitgehend positiv aufgenommen, obschon in der Fachwelt der zuweilen „begeistert-apologetische Tonfall“ des Biographen gerügt wurde. Vier Jahre später kommt nun wieder eine Tito-Biographie auf den Markt, diesmal von der deutschen Südosteuropa-Historikerin Marie-Janine Calic. Da auch Calic 2016 zu den Lobrednerinnen auf Pirjevecs recht unkritische Darstellung gehört hatte, war zumindest nicht auszuschließen, die Tito-Verklärungsliteratur werde durch ihr Werk um ein Belegexemplar wachsen. Doch gleich vorweg sei gesagt: Calic hat die selbstgestellte Aufgabe viel besser bewältigt als Pirjevec. Während ihr Vorgänger sich in der Fülle seines Materials bisweilen verlor, ordnet sie den Stoff ungleich souveräner, weshalb ihr Buch, obschon gut 250 Seiten kürzer, ein weitaus anschaulicheres Bild vom Leben des 1892 in Kroatien geborenen Bauernsohns und späteren Diktators bietet.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Allerdings lässt auch diese Lebensbeschreibung zumindest passagenweise etwas von jener Distanz vermissen, die Biographen bei aller Empathie zur dargestellten Person aufweisen sollten. Mitunter finden sich in dem Buch Sätze, die zumindest unglücklich formuliert sind. Dass die im Katholizismus verwurzelte Mutter des Protagonisten „von heimlichen Sorgen um die Seele ihres Sohnes geplagt“ wurde, als der in jungen Jahren auf die kommunistische Bahn geriet, liegt nahe – aber ist es eine angemessene Formulierung für ein Sachbuch? Als der Sohn später vom Tod der Mutter erfährt, heißt es: „Aber Josip, im langen Fellmantel, mit hohen Schaftstiefeln und einer Pelzmütze, auf der noch der Abdruck des fünfzackigen Roten Sterns zu erkennen war, gab sich kämpferisch.“ Über einen Haftantritt lesen wir: „Irgendwie kommt mir der bekannt vor, dachte sich Broz, als er kurz darauf dem Gefängnisdirektor vorgeführt wurde.“ Zu Titos Weltanschauung wird resümiert: „Einzig und allein der Revolution fühlte sich der legendäre Partisanenmarschall, langjährige Staatspräsident und gefeierte Frontmann der Blockfreien verpflichtet.“ In ihrem Duktus auktorialer Allwissenheit wären solche Sätze statthaft in einem Roman, aber in einer historischen Biographie gibt es bessere Lösungen, als zu behaupten: „Erzbischof Aloizije Stepinac hatte ein reines Gewissen, als er im September 1946, glattrasiert und akkurat gescheitelt, die zum Gerichtssaal umfunktionierte vollbesetzte Turnhalle in Zagreb betrat.“

          Die Herausforderung für Tito-Biographen ergibt sich daraus, dass viele zeitgenössische Berichte über dessen Leben bereits im Dienste der Legendenbildung standen. Wer sich mit dem Wirken Titos befasst, bewegt sich in einer stark hagiographisch geprägten Quellenlandschaft – schließlich gebot Broz 35 Jahre lang über einen Staat und dessen Propagandaapparat, um in Wort, Bild und Ton an seiner Apotheose feilen zu lassen. Für den Kinofilm „Neretva“ über den Kampf der Partisanen wurden Weltstars wie Yul Brynner und Orson Welles engagiert, Picasso gestaltete die Plakate. Die enormen Produktionskosten, die sich Jugoslawien damit aufbürdete, wurden immerhin durch eine Oscar-Nominierung honoriert. Für eine noch aufwendigere Produktion wurde die Rolle Titos mit Richard Burton besetzt – von Tito, wie Calic schildert.

          Kurzum: Wer sich biographisch mit diesem einstigen Staatschef befasst, muss den Ausgang aus einem Irrgarten der Idolisierungen finden. Und wer Texte über ihn liest, darf sich bisweilen getrost die Lorbeerzweige wegdenken, mit denen es Broz noch postum gelingt, Beschreibungen seines Lebens zu umkränzen – etwa wenn es, in der Sache womöglich durchaus treffend, in diesem Buch über ihn heißt: „In brenzliger Lage stahlharte Nerven zu behalten, gehörte später zu seinen außergewöhnlichsten Qualitäten.“

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