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Jonathan Haslam/ Karina Urbach (Hrsg.): Secret Intelligence in the European States System 1918-1989 : Von Kriechern und Riechern

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Die Zentrale des britischen Geheimdienstes MI6 in London am 25. August 2012. Bild: dpa

Eine Gruppe renommierter Fachleute für die Geschichte der internationalen Politik versucht sich an der Frage, welche Bedeutung die europäischen Geheimdienste für den politischen Entscheidungsprozess im Zeitalter der Weltkriege und des Kalten Krieges hatten.

          Geheimdienste scheuen ihrer Natur gemäß die Öffentlichkeit und umgeben sich gern mit einem Mythos, der ihrer Arbeit dienlich ist, aber zugleich verbirgt, wie erfolgreich ihre Arbeit tatsächlich ist. Arbeitsweise und Bedeutung der „Dienste“ bleiben so ein Feld von Mutmaßungen und Halbinformationen, die zudem gern von interessierter Seite gesteuert werden. Eine Gruppe renommierter Fachleute für die Geschichte der internationalen Politik versucht sich nun an der Frage, welche Bedeutung die europäischen Geheimdienste für den politischen Entscheidungsprozess im Zeitalter der Weltkriege und des Kalten Krieges hatten. Die Autoren räumen ein, dass sie im Hinblick auf „Secret Intelligence“ nur begrenzte Schneisen schlagen können. Dabei bleibt leider die europäische Perspektive ebenso unterbelichtet wie der epochale Vergleich. Man wird also keine tiefer gehenden und umfassenden Analysen zu den einzelnen großen Geheimdiensten erwarten können, allenfalls eine Reihe von wichtigen historischen Beispielen.

          Jonathan Haslam zeigt in seinem Überblick zur Geschichte des sowjetischen Geheimdienstes in den 1920er und 1930er Jahren, dass die einander teilweise bekämpfenden Institutionen, geboren als revolutionäre Organe und ausgerichtet auf die Bekämpfung der Konterrevolution, hauptsächlich mit Spionen gearbeitet haben. Beherrscht vom Misstrauen gegenüber den eigenen Quellen, waren sie nicht frei von Elementen der Selbstzerstörung. Stalin sei es nicht gelungen, sich durch eine angemessene Entwicklung technischer Aufklärungsmittel und damit durch objektive Daten vom Misstrauen gegenüber seinem Geheimdienst zu lösen.

          David Holloway richtet in zwei Beispielen zur Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg den Fokus nicht auf die Beschaffung von Nachrichten, sondern auf ihre Bewertung und Auswertung. So zeigt er am Fall „Barbarossa“, dass der militärische Nachrichtendienst durchaus eine Reihe von Warnungen vor einem deutschen Überfall im Jahr 1941 beschafft hat, obwohl seit 1937 fünf seiner Chefs nacheinander verhaftet und exekutiert worden waren. Für Stalin war das Bild allerdings nicht eindeutig, objektive Daten über den deutschen Aufmarsch lagen kaum vor, Agentenberichte waren widersprüchlich und nicht überprüfbar. Der sowjetische Diktator hatte es versäumt, eine zentrale Auswertungsstelle vorzuschalten, so dass er seinen persönlichen Vorurteilen und Vermutungen vertraute. Das Ergebnis war eine militärische Katastrophe.

          Das zweite Beispiel skizziert die Rolle des sowjetischen Geheimdienstes in der Frage der Entwicklung einer Atombombe. Hier verfügte man über eine Reihe von Top-Agenten, die Moskau sehr dicht an den britisch-amerikanischen Fortschritten informierten. Geheimdienstchef Berija allerdings traute den Informationen nicht. So blieb das eigene Atomprogramm sehr begrenzt. Noch Mitte 1945 reichte es nicht über den Umfang des deutschen Atomprojekts hinaus. Als aber im August die Vereinigten Staaten ihre erste Atombombe einsetzten, befahl Stalin den umfassenden Ausbau des eigenen Programms. Mit vorliegenden technischen Geheimdienstinformationen, die hinsichtlich der Machbarkeit einer Atombombe bislang nicht eindeutig gewesen waren, war die Sowjetunion in der Lage, zwei Jahre Entwicklung einzusparen und unerwartet schnell nachzurüsten.

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