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Johannes Tuchel: „...und ihrer aller wartet der Strick“; M. T. von dem Bottlenberg: Guttenberg : Letzte Rache des Hitler-Regimes

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Das Licht brannte Tag und Nacht in Moabit: Gang D III mit den Zellen 537 bis 555 Bild: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

SS-Sturmbannführer und Kriminalrat Kurt Stawizki, enger Vertrauter von Gestapo-Chef Müller, erscheint am späten Abend des 22. April 1945 mit 30 bewaffneten Männern im Zellengefängnis Lehrter Straße 3 in Berlin-Moabit. Sechzehn Häftlinge sollen abgeholt werden: zur Verlegung in das Strafgefängnis Plötzensee.

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          Im Zellengefängnis Lehrter Straße 3 in Berlin-Moabit richtete die Gestapo bereits einen Tag nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler im Flügel D eine „Sonderabteilung 20. Juli 1944“ ein. In den folgenden Monaten wurden dort mehr als 540 Personen inhaftiert, die im Zusammenhang mit dem Umsturzversuch festgenommen worden waren. Viele verurteilte der „Volksgerichtshof“ zum Tode, sie wurden in Plötzensee durch Strang oder Fallbeil hingerichtet. Unter den Gefangenen waren auch kommunistische Widerstandskämpfer, Sippen- und Sonderhäftlinge. Achtzehn Häftlinge wurden noch kurz vor Kriegsende ganz in Nähe des Gefängnisses einfach hingemordet.

          SS-Sturmbannführer und Kriminalrat Kurt Stawizki, enger Vertrauter von Gestapo-Chef Müller, erscheint am späten Abend des 22. April 1945 mit 30 bewaffneten Männern in der Lehrter Straße: Sechzehn Häftlinge sollen abgeholt werden: zur Verlegung in das Strafgefängnis Plötzensee. Sie bekommen ihre Effekten ausgehändigt und sind in zwei Gruppen aufgeteilt. Zur ersten Gruppe gehören die vom „Volksgerichtshof“ zum Tode Verurteilten Klaus Bonhoeffer, Hans John, Carl Marks, Wilhelm zur Nieden, Friedrich Justus Perels, Rüdiger Schleicher und Hans Sierks sowie als einziger „Nicht-Verurteilter“ der frühere Diplomat Richard Kuenzer (er wartet seit dem 5. Juli 1943 auf seine Verhandlung). Die zweite Gruppe - alle bisher nicht verurteilt - besteht aus Albrecht Haushofer, Max Jennewein, Herbert Kosney, Carlos Wilhelm Moll, Ernst Munzinger, Hans Victor von Salviati, Sergej Sossimow und Wilhelm Staehle.

          Vor dem Tor des Gefängnisses steht ein Wehrmacht-Lkw, auf den die Gefangenen ihr Gepäck werfen müssen. Anschließend marschieren sie über die Lehrter Straße bis zur Invalidenstraße, wo sie ihre Papiere und Wertsachen wieder abgeben müssen (was wohl nur unvollständig geschieht). Um den Weg zum Potsdamer Platz abzukürzen, wird eine „Abkürzung“ durch den „Universum-Landesausstellungspark“ (ULAP) genommen: „ein früher beliebtes Freizeitgelände“, nach schweren Luftangriffen längst eine zerbombte Ruine. Am Eingang des Geländes wird die erste Gruppe der Verurteilten (samt Kuenzer) nach rechts geführt, die zweite der „Nicht-Verurteilten“ (Gestapo-Häftlinge) nach links zu einem „Gebäude mit Säulengang“. Nach dem Kommando „Achtung! Fertig! Los!“ schießen SS-Männer den Gestapo-Gefangenen jeweils ins Genick. Nur Kosney überlebt mit Wangendurchschuss; er stellt sich tot, rafft sich nach einiger Zeit auf, rettet sich zu seinem Bruder, der ihn nach einigen Tagen in ein Lazarett bringt.

          Die erste Gruppe der Verurteilten wird rechts vom Eingang des ULAP-Geländes vor eine etwa hundertfünfzig Meter entfernte zerstörte Bierhalle gelenkt und an einem Schuttwall exekutiert. Die acht Leichen werden bereits am 23. April entdeckt; es wird sofort eine Mordkommission eingesetzt, der bald klar wird, dass dies „eine Sache der Gestapo“ sei und sie „nichts angehe“. Bei den Toten gefunden werden zwei Neue Testamente und ein Gehstock, vermutlich der von Rüdiger Schleicher. Bis zum Ende der Kampfhandlungen liegen die Toten im Leichenschauhaus in der Französischen Straße, erst am 5./6. Mai werden sie in einem Bombentrichter an der Mauer des Dorotheenstädtischen Friedhofs bestattet.

          Die Leichen der zweiten Gruppe der „Nicht-Verurteilten“ werden aufgrund von Kosneys Ortsbeschreibungen am 12. Mai 1945 gefunden. Die Bestattungen finden am folgenden Tag statt: der Geographiedozent und Dichter Albrecht Haushofer auf dem Friedhof an der Wilsnacker Straße bei der Moabiter Johanniskirche, die übrigen sechs - durch Papiere oder Kleidungsstücke identifiziert - in einem Massengrab im Kleinen Tiergarten.

          Eine weitere Mordaktion folgt in der Nacht vom 23./24. April. Abgeholt werden der frühere Botschaftsrat Albrecht Graf von Bernstorff, der davon ausgeht, „er solle nach der Freilassung im Auftrag Hitlers mit der englischen Regierung verhandeln, da er früher in der deutschen Botschaft in London gearbeitet habe“, der bayerische Monarchist und Herausgeber der konservativen Zeitschrift „Weiße Blätter“, Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg, sowie der frühere SPD-Reichstagsabgeordnete und Gewerkschaftsfunktionär Ernst Schneppenhorst. Auf einem Ruinengrundstück in der Nähe des Moabiter Gefängnisses werden sie liquidiert - ihre Leichen werden „nie gefunden. Wir wissen nicht, wo sie unter den Tausenden unbekannten Kriegstoten beerdigt worden sind“, bemerkt Johannes Tuchel, Leiter der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Bendlerblock.

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