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Johannes Großmann : Heimliche Verteidiger des Abendlandes

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Deutsch-französisches Geheimtreffen am 18. August 1958: Konrad Adenauer trifft sich mit Antoine Pinay und Jean Violet. Bild: Abbildung aus dem besprochenen Band

Die „Internationale der Konservativen“ tagte hinter verschlossenen Türen und hatte sogar Franz Josef Strauß und Otto von Habsburg zu Gast, doch ihre wenig originelle Nebenaußenpolitik lief ins Leere.

          Sie tagten im Abseits. Das dämmert dem Leser, je weiter er dem Autor auf dessen langer Reise durch bislang kaum erschlossene Gefilde folgt. Am Ende hat er Gewissheit. Zwar mag Johannes Großmann der von ihm so genannten „Internationale der Konservativen“ nicht „jegliche Bedeutung“ absprechen, aber: „Gemessen an ihren oft ambitionierten Zielen und ihrer bemerkenswerten personellen Zusammensetzung“ konnten die unter diesem Dach angesiedelten Organisationen „nur wenige Erfolge verbuchen“.

          Um das herauszufinden, hat der in Tübingen lehrende Historiker mehr als 30 Archive in acht Ländern besucht und auf dieser Basis das Wirken „hunderter Politiker, Unternehmer und Intellektueller aus verschiedenen nationalen Kontexten“ nachgezeichnet. Mit immensem Fleiß, bewundernswerter Geduld und einer gehörigen Portion Optimismus ausgestattet, ist Großmann dabei vor allem in Deutschland, Frankreich und Spanien, aber auch in Großbritannien, Österreich, Portugal, der Schweiz und den Vereinigten Staaten den Spuren von Männern - Frauen spielen bezeichnenderweise keine nennenswerte Rolle - gefolgt, die in ihrer Zeit durchweg in der zweiten oder dritten Reihe gestanden haben und deren Namen heute, von wenigen Ausnahmen abgesehen, allenfalls noch Fachleuten geläufig sind.

          Das gilt auch für Organisationen beziehungsweise „Debattierclubs“ wie das 1959 in Liechtenstein gegründete „Institut d’Études Politiques Vaduz“, von dem die Öffentlichkeit „bis heute“ nicht einmal wusste, dass dort ein „ausgewählter Kreis konservativer Eliten aus zahlreichen Ländern mehrmals jährlich […] zusammentraf, um sich über aktuelle weltpolitische Entwicklungen auszutauschen“. Gegründet wurde dieses Institut wiederum durch einige Mitglieder des „Centre Européen de Documentation et d’Information“ (CEDI), das 1952 von deutschen und österreichischen Protagonisten der abendländischen Bewegung unter Führung von Otto von Habsburg aus der Taufe gehoben worden war. Hingegen liegen die Wurzeln des „Comité International de Défense de la Civilisation Chrétienne“ (CIDCC) oder auch des „Cercle Pinay“ beziehungsweise „Cercle Violet“ im französischsprachigen Raum. Die Anfänge des letzteren, der nie vereinsrechtlich registriert gewesen ist und zu dessen ersten Teilnehmern von deutscher Seite Franz Josef Strauß und von österreichischer Seite wiederum Otto von Habsburg zählten, lassen sich nicht genau bestimmen. Denn seine Protagonisten Antoine Pinay - Ministerpräsident, Finanz- und Außenminister der Vierten Französischen Republik - und vor allem der Rechtsanwalt Jean Violet, eine in jeder Hinsicht schillernde Persönlichkeit, umgaben den Kreis von Anfang an mit „strenger Geheimhaltung“.

          Überhaupt gewinnt der Leser rasch den Eindruck: Diese Organisationen operierten wie Geheimdienste - im Stillen, in der Defensive und selten erfolgreich. Das gilt auch dann, wenn sie sich wie die deutsche Sektion des CIDCC nach außen hin eine offensive Strategie auf die Fahnen geschrieben hatten, mit der man „der klaren und schlagkräftigen Front des Gegners die Stirn bieten“ konnte. So das Protokoll der Gründungssitzung vom April 1952. Wer dieser Gegner war und wo er stand, mussten Präsident und Vizepräsident der deutschen Sektion - der stellvertretende CDU-Vorsitzende Friedrich Holzapfel und der vormalige Oberdirektor des Wirtschaftsrats der Bizone Hermann Pünder - gar nicht betonen. Er hatte gut sichtbar östlich der Elbe gegen das christliche, das zivilisierte Abendland Position bezogen. Deshalb wurde die deutsche Sektion des CIDDC auch staatlich gefördert - von einigen Institutionen wie dem Bundespresseamt früher, von anderen wie dem Auswärtigen Amt später und zu einem nicht unerheblichen Teil aus Geldern des Titels 300, dem sogenannten Reptilienfonds.

          Soweit sich die deutsche Sektion des CIDCC dank solcher Zuwendungen zu einer „schlagkräftigen antikommunistischen Propagandaagentur“ entwickelte, war sie sichtbar. Aber für ihr Selbstverständnis und ihre eigentlichen Ziele entscheidend war das nicht. Was das CIDCC und das CEDI, das Vaduzer Institut, den Cercle und andere mehr vor allem verband, „waren ihre christlich-konservative Weltsicht, ihre Ablehnung von Kommunismus und Sozialismus, ihre anfängliche Reserviertheit gegenüber der parlamentarischen Demokratie und der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, aber auch ihr Wille zu einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit im Zeichen des Wiederaufbaus, des einsetzenden europäischen Integrationsprozesses und der sich abzeichnenden Ost-West-Konfrontation“. Um diese Ziele zu erreichen, griffen die konservativeren „transnationalen Elitenzirkel“ hinter den Kulissen zum Mittel „privater Außenpolitik“.

          So lautet Großmanns Befund, und der wirft Fragen auf, die der Autor teils stellt, teils übergeht. Keinen Zweifel lässt er an den sehr bescheidenen Ergebnissen dieser jahrzehntelangen „Nebenaußenpolitik“, die allerdings auch nur bei großzügiger Interpretation als solche erkennbar werden. Jedenfalls lässt sich auch auf Basis der von Großmann zutage geförderten Ergebnisse nicht ohne weiteres nachvollziehen, dass besagte Zirkel tatsächlich schon während der Franco-Ära das „geistige Klima“ für den Assoziierungs-Antrag Spaniens an die EWG „bereitet“ oder maßgeblich dafür gesorgt haben, dass die Kontinentaleuropäer nach dem zweimaligen Abschmettern des britischen Beitrittsgesuchs durch Frankreich mit den Insulanern im Gespräch blieben. Und ob die „Paralleldiplomatie“ nach der Rückkehr Charles de Gaulles auf die politische Bühne tatsächlich eine entscheidende Rolle gerade für den französisch-deutschen Ausgleich gespielt hat, bleibt auch nach der minutiösen Rekonstruktion der Kontakte fraglich.

          Vor allem aber fragt man sich, warum diese „Elitenzirkel“ hinter verschlossenen Türen tagten. Was sie berieten und umzusetzen suchten, war ja weder originell noch kriminell, weder revolutionär noch konservativ. Tatsächlich wussten ihre Mitglieder wohl sehr genau, dass ihre Zeit abgelaufen war. Die postnationale, demokratisch verfasste, kapitalistisch organisierte Welt war nicht mehr die ihre. Die anachronistische Antwort auf diese Welt, eine privat betriebene „konservative“ Außenpolitik, konnten diese Leute für sich nur deshalb als Alternative formulieren, weil es eine amtliche konservative Außenpolitik nicht geben kann. Außenpolitik ist keine Frage der Weltanschauung, sondern eine Angelegenheit für Pragmatiker. Aus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist kein einziger Fall bekannt, in dem eine Regierung eine auch noch so weitreichende und heftig umstrittene außenpolitische Entscheidung ihrer Vorgängerin revidiert hätte. Die verdienstvolle Untersuchung von Großmann zeigt gleichsam nebenher, warum das nicht anders sein konnte und die „Internationale der Konservativen“ ins Leere lief.

          Johannes Großmann: Die Internationale der Konservativen. Transnationale Elitezirkel und private Außenpolitik in Westeuropa seit 1945. De Gruyter Oldenbourg Verlag, München 2014. XI und 651 S., 84,95 €.

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