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Joachim Willems: Pussy Riots Punk-Gebet : Unaufgeregte Einblicke

Maskierte Aktivistinnen der russischen Frauenpunkband Pussy Riot protestieren am 21.02.2012 in der Erlöser-Kirche in Moskau Bild: dpa

Die Aktion von Pussy Riot richtete sich gegen die enge Verbindung der Russischen Orthodoxen Kirche mit der Staatsmacht. Joachim Willems stellt dar, wie sich die russische Kirche selbst sieht.

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          Ein nur wenige Sekunden langer Auftritt in der Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau unmittelbar vor der russischen Präsidentenwahl im Frühjahr 2012 machte die jungen Frauen von Pussy Riot weltbekannt. Dabei werden sie innerhalb Russlands ganz anders wahrgenommen als außerhalb: Während sie im Westen zu einem unkritisch heroisierten Symbol des Protests gegen das Putin-Regime geworden sind, wird ihre Aktion laut Umfragen von einer überwältigenden Mehrheit der Russen scharf abgelehnt. Der Prozess und das harte Urteil gegen sie werden im Westen - zu Recht - als skandalöse politische Justiz kritisiert, in Russland aber überwiegend gutgeheißen.

          Reinhard Veser
          Redakteur in der Politik.

          Die Aktion von Pussy Riot richtete sich gegen die enge Verbindung der Russischen Orthodoxen Kirche mit der Staatsmacht. Joachim Willems stellt dar, wie sich die russische Kirche selbst sieht, wie verschiedene orthodoxe Strömungen ihre Stellung in der Gesellschaft und ihr Verhältnis zum Staat seit dem Ende der Sowjetherrschaft neu zu definieren versuchen. Die Beziehung der Kirche zum Staat ist nicht so eindeutig, wie es die Parteinahme Patriarch Kirills für Präsident Putin und die sorgsam inszenierten Bilder von gemeinsamen Auftritten der beiden nahelegen. Willems verweist auf die Geschichte der Christenverfolgung in der Sowjetunion, die in der russischen Kirche noch immer nachwirkt (obwohl einige ihrer führenden Repräsentanten vermutlich eine KGB-Vergangenheit haben). In der Wahrnehmung der Kirchenführung war die Aktion von Pussy Riot Ausdruck einer beginnenden neuen, dieses Mal weltweiten Christenverfolgung. An die Stelle des Kommunismus sei ein nicht minder aggressiver säkularer Liberalismus getreten, der der Menschheit die Sünde als Norm aufzwingen wolle, argumentiert Patriarch Kirill. In dieser Situation, schreibt Willems, suche die Kirche Schutz beim russischen Staat, in dem sie eine Bastion gegen diese neue Gefahr sehe.

          Er berücksichtigt in seinem erfreulich unaufgeregten Buch indes nicht nur die Reaktionen der Kirche in ihrem historischen, kulturellen und theologischen Kontext, sondern auch die Aktion von Pussy Riot, deren Texte und Selbstzeugnisse er ebenso ernst nimmt wie die Äußerungen der Kirchenführer. Pussy Riot stehen nicht nur in der westlichen Punk-Tradition, sondern auch in einer russischen der Religionsphilosophie, der kirchenfernen Religiosität und des Gottesnarrentums. Willems gelingt es, am Beispiel von Pussy Riot einen über diesen Fall hinausreichenden und dazu auch gut lesbaren Einblick in das Verhältnis von „Religion, Recht und Politik in Russland“ - wie es der Untertitel verspricht - zu geben.

          Joachim Willems: Pussy Riots Punk-Gebet. Religion, Recht und Politik in Russland. Berlin University Press, Berlin 2013. 180 S., 19,90 €.

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