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Israel und die Deutschen : Trotz Distanz auch Nähe

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Landesfahnen von Deutschland und Israel Bild: dpa

Für viele der aus Deutschland stammenden Israelis und Diasporajuden blieb Deutschland trotz Holocaust eben nicht nur das Land Hitlers, sondern mindestens ebenso sehr die Heimat Goethes und Schillers, also ihre eigene seelische und kulturelle Heimat.

          Endlich wieder ein wirklich lesenswertes Buch über israelisch-jüdische Beziehungen zu Deutschland und Deutschem. Endlich ein Buch, das der großen deutsch-jüdischen Geistestradition würdig ist und nicht nur nostalgisch an sie erinnert. Dieser Autor vertreibt den geistigen Mief des ewig Korrekten. Dabei argumentiert er nie inkorrekt oder polemisch. Abgesehen von einigen Jargonismen, schreibt der noch in Jerusalem lehrende Leipziger Emeritus glasklar und allgemein verständlich. Dan Diner bietet kaum neue Fakten, doch er wirft auf Bekanntes ein ganz neues Licht. Er dringt über das historisch Faktische hinaus in die existentiellen und theologischen Tiefenschichten der israelisch-deutschen und der gesamtjüdisch-deutschen Beziehungen. Im Kern ist dies ein Grundlagenbuch zur jüdischen Geschichtssicht, Geschichtsphilosophie und Geschichtstheologie.

          Schon der Buchtitel ist ein großer Wurf. „Rituelle Distanz“. Diese zwei Wörter kennzeichnen das israelisch-jüdische Verhältnis zu Deutschland besonders in der hier untersuchten Frühphase bis 1952/53. Zunächst beschreibt Diner, wer wie und wo in der allgemein jüdischen und israelischen Welt schon bald nach dem sechsmillionenfachen Judenmord - mit sehr schlechtem Gewissen - Kontakte zu Deutschland aufgenommen hatte. Mit schlechtem Gewissen, doch guten Gründen: Für viele der aus Deutschland stammenden Israelis und Diasporajuden blieb Deutschland trotz Holocaust eben nicht nur das Land Hitlers, sondern mindestens ebenso sehr die Heimat Goethes und Schillers, also ihre eigene seelische und kulturelle Heimat. Die trotz allem bestehende Deutschland-Liebe von Einzelpersonen löste Schuldgefühle gegenüber dem jüdischen Kollektiv aus, das Deutschland gegenüber unmittelbar nach der Schoa eine Art Bann pflegte. Deshalb das Wort Distanz im Buchtitel. Doch trotz Distanz Nähe. Und wegen dieser Nähe rituelle Distanz, damit der Einzelne beim Kollektiv und vor sich selbst nicht zu sehr anecke. Das alles wusste man auch vor Diners Buch. Aber keiner vor ihm hat es so griffig formuliert. Andere schreiben dicke Bücher, Diner sagt mit nur zwei Wörtern alles. Wer mehr wissen will, muss sein Buch lesen. Obwohl so schlank, enthält es Gehaltvolles.

          Ein zweiter Kunstgriff gelingt dem Autor meisterhaft: Er interpretiert das Foto von der Unterzeichnung des Wiedergutmachungsabkommens zwischen der Bundesrepublik Deutschland, Israel und der Claims Conference, der Vertretung der Diasporajuden. Es geschah in Luxemburg am 10. September 1952. Kein mir bekannter Historiker hat vor Diner Körpersprache so überzeugend als Methode geschichtswissenschaftlicher Fakten und Tiefenanalyse angewandt. Diner belegt die israelisch-jüdische Doppelbödigkeit im Verhältnis zu Deutschem anhand von Werdegang, Schicksal und Äußerungen der deutschstämmigen Vertreter Israels bei den Wiedergutmachungsverhandlungen. Es gelingt ihm, jenseits des Biographischen aufzuzeigen, wo und weshalb die individuellen Identitäten und Identifikationen durchaus typisch für kollektiv jüdisches Empfinden waren.

          Diasporajüdische sowie israelische Einzelpersonen wollten das von Deutschen Geraubte nach 1945 zurückerlangen. Die jeweilige Institution beanspruchte geraubtes, aber erbenloses Eigentum der Holocaust-Opfer sozusagen als Restitution für (so Diners Gedankenführung im Schlusskapitel) das „jüdische Volk als Ganzes“. Jede dieser Institutionen stellte - im Sinne Rousseaus - die staatlich-israelische oder nichtstaatlich jüdische Vertretung des jüdischen „allgemeinen Willens“ dar. Die Verlautbarungen kennt fast jeder, der sich mit der Thematik befasst hat. Vor Diner hat jedoch keiner diese nichtjüdisch- sowie und erst recht jüdisch-geistesgeschichtlichen Ur- und Hintergründe, seien sie religiös oder weltlich, ausgeleuchtet. Die religiös-jüdischen Hintergründe erläutert Diner pädagogisch geschickt, so dass auch interessierte Laien die Überlegungen und Empfindungen nachvollziehen können. Im Kapitel „Jerusalem: Die Arena der Knesset“ zerlegt Diner haarklein Politikerreden in der hitzigen, fast zu einem jüdischen Bürgerkrieg führenden Parlamentsdebatte über die Aufnahme von Wiedergutmachungsverhandlungen im Januar 1952. Ihm gelingt es, scheinbar platte Politikerphrasen in intellektuelle, historische und theologische Über- und Höhenflüge jüdischen Geschichtsdenkens umzuwandeln.

          Wenn wir - über Dan Diners Buch und über seine bislang unerreichten analytischen Tiefen hinaus - in die Gegenwart blicken, lässt sich dies sagen: Inzwischen fühlen sich Israel und die jüdische Welt Deutschland gegenüber geradezu nah, entspannt und entkrampft. In Deutschland obwaltet heute Israel gegenüber rituelle Arroganz auf der gesellschaftlichen Ebene und rituelle Scheinnähe bei der politischen „Elite“.

          Dan Diner: Rituelle Distanz. Israels deutsche Frage. Deutsche Verlags Anstalt, München 2015. 172 S., 19,99 €.

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