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Islamische Kräfte und Hitler : Für Adolf Effendi nach Stalingrad

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Ende des Ramadan: Parade in Kislowodsk/Kaukasus im Oktober 1942 Bild: Harvard University Press

Nach Kriegsbeginn 1939 wandten sich staatliche Stellen in Berlin zunehmend der Frage zu, wie „der“ Islam für die eigene Strategie instrumentalisiert werden könnte. Hitler höchstpersönlich empfing im November 1941 Amin al-Husaini, den Mufti von Jerusalem.

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          Als Italiens Diktator Mussolini sich 1937 in Tripolis als Schutzherr der Muslime präsentierte, empfand Reichspropagandaminister Joseph Goebbels dies als raffinierten Schachzug. Das NS-Regime befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer Phase der forcierten Kriegsvorbereitung. Bis die muslimische Bevölkerung in Nordafrika, in Bosnien, auf der Krim oder im Kaukasus ins Kriegskalkül kam, sollte es aber noch einige Jahre dauern. Erst mit dem Vordringen deutscher Verbände in von Muslimen bewohnte Gebiete, vor allem aber mit dem Scheitern der deutschen Blitzkriegsstrategie und schließlich der Peripetie des Krieges insgesamt spielte der „Faktor Islam“ eine stärkere Rolle in Propaganda und Kriegführung des Deutschen Reiches. Unter den nichtdeutschen Einheiten der im Osten eingesetzten Truppen stellten die Muslime das stärkste Kontingent. Mit drei Bataillonen waren sie in Stalingrad beteiligt. Von Mitte 1943 bis 1944 erreichte die Zahl der rekrutierten Muslime schätzungsweise die Marke von einer halben Million.

          Die Mobilisierung islamischer Kräfte vor und hinter der Front war kein neues Phänomen, wie der britische Autor dieser materialreichen und übersichtlich gegliederten Studie zeigt. Die im Ersten Weltkrieg gemachten Erfahrungen gerieten aber zunächst nur vereinzelt in den Blick. Immerhin häuften sich in den 1930er Jahren Stellungnahmen, in denen der Islam als Bewegung mit politischer und religiöser Sprengkraft vor allem im britischen Imperium und in der Sowjetunion beschrieben wurde. Ähnliche Überlegungen mit Stoßrichtung gegen die britische und niederländische Herrschaft in Asien gab es in Japan. Kein Wunder, dass man umgekehrt auch in London, Moskau oder Washington sein Herz für die Sache des Islam entdeckte.

          Nach Kriegsbeginn 1939 wandten sich staatliche Stellen in Berlin zunehmend der Frage zu, wie „der“ Islam für die eigene Strategie instrumentalisiert werden könnte. Hitler höchstpersönlich empfing im November 1941 Amin al-Husaini, der als Mufti von Jerusalem der oberste islamische Rechtsgelehrte in Palästina war und sowohl gegen die Juden als auch gegen die britische Mandatsmacht agitiert hatte. Auf der Flucht vor den britischen Behörden und nun im deutschen Exil durfte er im Dezember 1942 als Starredner bei der Einweihung des Islamischen Zentralinstituts in Berlin auftreten. In seinen von Joachim von Ribbentrops Auswärtigem Amt abgesegneten und über Rundfunk in Nordafrika und im Nahen Osten verbreiteten Ausführungen erschienen das Weltjudentum, die Westmächte und die Sowjetunion als Feinde, die Deutschland und den Islam zusammenbanden. Der Krieg biete den Muslimen die Chance, sich an der Seite Deutschlands gegen ihre Unterdrücker zu erheben. Dazu bedürfe es der unbedingten Bereitschaft zur Selbstaufopferung. Kein Geringerer als der Reichsführer SS Heinrich Himmler war davon elektrisiert. Wer wie der Islam kampfesmutigen Soldaten schöne Frauen im Jenseits verspreche, verfüge über den richtigen Zugriff.

          Die in der nationalsozialistischen Wahrnehmung des Islam allgemein anzutreffende Überbetonung religiöser Komponenten führte dazu, dass irrigerweise von einem „Weltislam“ oder von „Weltmuselmanentum“ gesprochen und die tatsächliche Heterogenität des Islam ignoriert wurde. Auch darauf ist die unterschiedlich ausfallende Reaktion zurückzuführen, die das nationalsozialistische Werben um Kooperation hervorgerufen hat.

          Im Mittelmeerraum, wo die osmanische Herrschaft seit dem späten 19. Jahrhundert Zug um Zug von Großbritannien und Frankreich abgelöst wurde, und namentlich dort, wo liberale Strömungen in den Moscheen und bei Intellektuellen anzutreffen waren, traf der nationalsozialistische Appell keineswegs nur auf Zustimmung. Zudem wurde die Aussicht, im Windschatten des Krieges bestehende Fremdherrschaften beseitigen zu können, schon dadurch getrübt, dass die Deutschen das Begehren nach Selbstbestimmung auf den kulturellen und religiösen Sektor begrenzen wollten. Politische Emanzipation oder gar islamische Staatengründungen sollten nicht auf der Tagesordnung stehen.

          Überwiegend positiv reagierten Muslime auf die neuen Herren aus Deutschland dort, wo ihre Entfaltungsmöglichkeiten mit dem Ende des Ersten Weltkriegs dramatisch beschnitten wurden, auf dem Balkan und vor allem in der Sowjetunion. Hier konnten die deutschen Invasoren als vermeintliche Befreier willkommen geheißen werden, die zudem großes Entgegenkommen zeigten. Als die Wehrmacht und insbesondere die SS muslimische Verbände aufstellten, gingen damit die Ernennung von Imamen und die Respektierung religiöser Grundsätze einher. Zu der ausgezeichneten Bebilderung in diesem Buch gehören Szenen, die Muslime in SS-Uniform beim Gebet zeigen. Feierlichkeiten zum Ende des Ramadan mit muslimischen Paraden vor Hitlerbildern und mit NS-Symbolen suggerierten den Schulterschluss zwischen Muslimen und Nationalsozialisten. Für die deutschen Befehlshaber war es freilich in erster Linie ein Mittel zum Zweck der immer dringlicher werdenden Rekrutierung von Soldaten. Der Preis, den die Muslime für die Einbindung in die nationalsozialistische Gewaltherrschaft und Expansionspolitik zahlen mussten, war immens hoch. Wo „Adolf Effendi“ gehuldigt worden war, erfolgte nach Kriegsende eine erbarmungslose Vergeltung in der Sowjetunion Stalins und im Jugoslawien Titos.

          Wiederholt weist der Autor auf Kontexte und Kontinuitäten hin. Er versteht sein Buch auch als Fallstudie darüber, wie die Großmächte islamische Bevölkerungen und Staaten in einer ihren Interessen dienenden Objektrolle hielten. Im Kalten Krieg blieb es dabei. Namentlich in der Bundesrepublik waren Publizisten, Wissenschaftler und Politiker zu hören, die nahtlos an den im Krieg propagierten Gegensatz zwischen Islam und Sowjetkommunismus anknüpfen konnten. Erwähnung findet auch Präsident Carters Sicherheitsberater Brzezinski, der 1979 die Mudschahedin in Afghanistan zum Kampf gegen die sowjetischen Atheisten aufrief.

          David Motadel: Islam and Nazi Germany’s War. The Belknap Press of Harvard University Press, Cambridge, MA und London 2014. 500 S., 30,- €.

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