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Islamische Kräfte und Hitler : Für Adolf Effendi nach Stalingrad

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Die in der nationalsozialistischen Wahrnehmung des Islam allgemein anzutreffende Überbetonung religiöser Komponenten führte dazu, dass irrigerweise von einem „Weltislam“ oder von „Weltmuselmanentum“ gesprochen und die tatsächliche Heterogenität des Islam ignoriert wurde. Auch darauf ist die unterschiedlich ausfallende Reaktion zurückzuführen, die das nationalsozialistische Werben um Kooperation hervorgerufen hat.

Im Mittelmeerraum, wo die osmanische Herrschaft seit dem späten 19. Jahrhundert Zug um Zug von Großbritannien und Frankreich abgelöst wurde, und namentlich dort, wo liberale Strömungen in den Moscheen und bei Intellektuellen anzutreffen waren, traf der nationalsozialistische Appell keineswegs nur auf Zustimmung. Zudem wurde die Aussicht, im Windschatten des Krieges bestehende Fremdherrschaften beseitigen zu können, schon dadurch getrübt, dass die Deutschen das Begehren nach Selbstbestimmung auf den kulturellen und religiösen Sektor begrenzen wollten. Politische Emanzipation oder gar islamische Staatengründungen sollten nicht auf der Tagesordnung stehen.

Überwiegend positiv reagierten Muslime auf die neuen Herren aus Deutschland dort, wo ihre Entfaltungsmöglichkeiten mit dem Ende des Ersten Weltkriegs dramatisch beschnitten wurden, auf dem Balkan und vor allem in der Sowjetunion. Hier konnten die deutschen Invasoren als vermeintliche Befreier willkommen geheißen werden, die zudem großes Entgegenkommen zeigten. Als die Wehrmacht und insbesondere die SS muslimische Verbände aufstellten, gingen damit die Ernennung von Imamen und die Respektierung religiöser Grundsätze einher. Zu der ausgezeichneten Bebilderung in diesem Buch gehören Szenen, die Muslime in SS-Uniform beim Gebet zeigen. Feierlichkeiten zum Ende des Ramadan mit muslimischen Paraden vor Hitlerbildern und mit NS-Symbolen suggerierten den Schulterschluss zwischen Muslimen und Nationalsozialisten. Für die deutschen Befehlshaber war es freilich in erster Linie ein Mittel zum Zweck der immer dringlicher werdenden Rekrutierung von Soldaten. Der Preis, den die Muslime für die Einbindung in die nationalsozialistische Gewaltherrschaft und Expansionspolitik zahlen mussten, war immens hoch. Wo „Adolf Effendi“ gehuldigt worden war, erfolgte nach Kriegsende eine erbarmungslose Vergeltung in der Sowjetunion Stalins und im Jugoslawien Titos.

Wiederholt weist der Autor auf Kontexte und Kontinuitäten hin. Er versteht sein Buch auch als Fallstudie darüber, wie die Großmächte islamische Bevölkerungen und Staaten in einer ihren Interessen dienenden Objektrolle hielten. Im Kalten Krieg blieb es dabei. Namentlich in der Bundesrepublik waren Publizisten, Wissenschaftler und Politiker zu hören, die nahtlos an den im Krieg propagierten Gegensatz zwischen Islam und Sowjetkommunismus anknüpfen konnten. Erwähnung findet auch Präsident Carters Sicherheitsberater Brzezinski, der 1979 die Mudschahedin in Afghanistan zum Kampf gegen die sowjetischen Atheisten aufrief.

David Motadel: Islam and Nazi Germany’s War. The Belknap Press of Harvard University Press, Cambridge, MA und London 2014. 500 S., 30,- €.

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