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Ira A. Hunt: Losing Vietnam : Aus der Doppelrolle gefallen

  • -Aktualisiert am

Ein Hubschrauber wird ins Meer geschoben, um mehr Platz für Flugzeuge zur Evakuierung zu haben Bild: AP

Der Autor war in der Spätphase des Vietnam-Krieges im nördlichen Thailand stationiert, vom Pariser Waffenstillstand 1973 bis zum Zusammenbruch der amerikanischen Verbündeten in Südvietnam, Laos und Kambodscha und dem fluchtartigen Abflug der letzten Amerikaner aus Saigon Ende April 1975.

          Bei der Lektüre dieses schwer lesbaren, mit technischen Einzelheiten, militärischem Jargon und Abkürzungen überlasteten Buches wird der Leser an die alte Weisheit erinnert, dass man Kriege, schon gar nicht ihre rückblickende Erklärung und Interpretation, allein den Generalen überlassen darf. Der Autor war in der Spätphase des Vietnam-Krieges im nördlichen Thailand stationiert, vom Pariser Waffenstillstand 1973 bis zum Zusammenbruch der amerikanischen Verbündeten in Südvietnam, Laos und Kambodscha und dem fluchtartigen Abflug der letzten Amerikaner aus Saigon Ende April 1975. Dort war es seine Aufgabe, mit den neuesten technischen Hilfsmitteln der damaligen Zeit die Strategien, die militärischen Kapazitäten und die Kampfkraft von Freund und Feind abzuschätzen. Generalmajor Hunt nimmt selbstbewusst an, dass seine Rolle als hochrangiger Militär und Zeitzeuge ihn befähigt, den Vietnam-Krieg in seiner Schlussphase kompetent zu analysieren.

          Die Brisanz dieses Buches liegt aber nicht in der Analyse der militärischen Entwicklung in Vietnam, Laos und Kambodscha von 1973 bis 1975, sondern in der Verbreitung einer „Dolchstoßlegende“, die Historikern aus der gesamten Weltgeschichte nur allzu bekannt ist: Die im Felde unbesiegte oder sich auf dem Weg zum Sieg befindliche Armee wird von der Heimatfront im Stich gelassen, gleichsam von hinten erdolcht. Hätten das amerikanische Volk und der amerikanische Kongress, so der Autor, nach dem Rückzug der amerikanischen Truppen aus Südvietnam - für Nordvietnam die wichtigste Bedingung des Waffenstillstandsabkommens von Paris - weiter genügend Ressourcen für die zurückgelassenen Verbündeten in Südostasien zur Verfügung gestellt, dann hätten die Strategie der „Vietnamisierung“ des Krieges gelingen und die Machtübernahme der Kommunisten in ganz Vietnam verhindert werden können.

          Die Lehre aus dieser Diagnose für die Außenpolitik der Vereinigten Staaten der Gegenwart, für Präsident Obama und die Strategie der „Afghanisierung“ wird vom Autor ohne Umschweife gezogen. Wenn der Kongress Afghanistan nach dem geplanten Abzug der amerikanischen Truppen weiter genügend unterstütze, dann gäbe es - möglicherweise - ein stabiles und amerikafreundliches Land, und die Demokratie in Afghanistan könnte blühen. Was die Zukunft Afghanistans angeht, kann man nur sagen: Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr, als dass sich im Afghanistan der Zukunft eine blühende Demokratie entwickelt. Was die Dolchstoßlegende des Autors angeht, so kann man über die Naivität des militärisch verengten Blickwinkels von Generalmajor Hunt nur staunen.

          Von der Dynamik des komplexen Ursachenbündels, das den Rückhalt über den Vietnam-Krieg in der amerikanischen Bevölkerung und im Kongress zerstörte, also vom Zusammenhang von Politik und Krieg, erfährt der Leser nichts. In Stichworten: die Kulturrevolution von 1968, Rassenunruhen, Bürgerrechtsbewegungen, die stetige Zunahme der amerikanischen Truppen - auf dem Höhepunkt des amerikanischen Engagements standen rund 600 000 Soldaten in Südostasien - die, für jedermann erkennbar, nicht zur Niederlage des Feindes führte, sondern zu einer steigenden Zahl amerikanischer Toten (insgesamt 58 000), die Kriegsverbrechen amerikanischer Soldaten, die Bilder des Krieges im amerikanischen Fernsehen, schließlich die Watergate Affäre, die Präsident Nixons Ansehen untergrub.

          Außerdem scheint der Autor nicht einmal im Rückblick zu wissen, dass ausgerechnet der Kalte Krieger Nixon und sein „Metternich“ Henry Kissinger seit 1972 durch die Öffnung gegenüber China und der Sowjetunion eine außenpolitische Alternative zur Eindämmungspolitik entwickelten und damit dem Vietnam-Krieg seine strategische Legitimation entzogen. Als die kommunistischen Verbände am 30. April 1975 in Saigon einmarschierten, gab es außerhalb von Indochina keine Dominoeffekte, die Vereinigten Staaten von Amerika verloren durch die Niederlage nicht ihren Status als Supermacht. Krieg und Niederlage änderten weder die Grundstruktur des Kalten Krieges noch die begrenzte Entspannungspolitik gegenüber der Sowjetunion und China. Innenpolitisch war es erstaunlich, wie schnell die Amerikaner zur Tagesordnung übergingen. Bei den Feiern zum 200. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit im Jahr 1976 spielte der Vietnam-Krieg kaum noch eine Rolle.

          Schließlich stellt sich der Autor nicht einmal die militärisch entscheidende Frage, und diese heißt nicht, warum die Vereinigten Staaten und die südvietnamesischen Truppen den Krieg verloren, sondern warum Nordvietnam siegreich blieb. Dazu gibt es eine internationale Forschung, deren wichtigsten Ergebnisse lauten: Hanoi hat, zunächst gegenüber der Kolonialmacht Frankreich, dann gegenüber den Vereinigten Staaten, mit unerbittlicher Härte, auch gegenüber dem eigenen Volk, immer an dem einen, überragenden strategischen Ziel festgehalten: ein vereintes, unabhängiges und kommunistisches Vietnam. Nordvietnam ist es trotz der enormen Feuerkraft der Amerikaner mehrfach gelungen, in entscheidenden Phasen des Krieges zu strategischen Offensiven überzugehen. Hanoi hat außerordentlich geschickt zwischen China und der Sowjetunion laviert. Hoffnungen Nixons und Kissingers, dass die Sowjetunion und China Nordvietnam zu einem „Kompromiss“ zwingen könnten, erfüllten sich nicht. Die Korruption der südvietnamesischen Eliten hat die Legitimität der Regime in Saigon ausgehöhlt.

          Der Autor hätte gut daran getan, sich vor dem Verfassen dieses Buches an die immer wieder zitierte Erkenntnis von Clausewitz zu erinnern, wonach „der Krieg eine bloße Fortsetzung der Politik unter Einbeziehung anderer Mittel“ sei. Das gilt nicht nur für den Beginn und den Verlauf, sondern auch für das Ende eines Krieges.

          Ira A. Hunt: Losing Vietnam. How America Abandoned Southeast Asia. University Press of Kentucky 2013. 399 S., 31,99 €.

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