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Internationalismus : Am anderen Ende der Welt

  • -Aktualisiert am

Weltjugendfest mit Angela Davis und Hermann Axen 1973 in Ostberlin Bild: Barbara Klemm

Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Nach diesem Grundsatz verfuhr die DDR mit amerikanischen Bürgerrechtlern.

          Black Power in der DDR? – Auf den ersten Blick mag der Gegenstand einer so umfangreichen Studie abwegig oder zumindest abseitig erscheinen. Doch wie die Historikerin Maria Schubert zeigen kann, erzeugten die politischen Forderungen der christlichen oder linken Bürgerrechtsaktivisten aus den Vereinigten Staaten durchaus einen Nachhall im Realsozialismus. Ihre Gospel fanden Fans im SED-Staat – auch unter Menschen, denen die Staatspartei religiöse Musikalität längst ausgetrieben hatte. So lässt sich die breite Solidarität der DDR mit benachteiligten Afroamerikanern nicht allein damit erklären, dass die SED den internationalen Kampf gegen diese Unterdrückung raffiniert in ihre propagandistischen Bahnen lenken konnte.

          In den spirituellen Liedern der schwarzen Christen schwang für viele mehr als nur die Sehnsucht nach dem großen weiten Westen jenseits des Eisernen Vorhangs mit. Teile der evangelischen Minderheit in der DDR identifizierten sich mit den Idealen der Bürgerrechtler jenseits des Atlantiks. In den späten Jahren der Teilung regte deren politischer Kampf insbesondere Jugendliche an, in der Enge ihres begrenzten Kosmos Freiräume zu suchen. Möglicherweise lenkte das Mitgefühl mit Benachteiligten am anderen Ende der Welt von Zwängen ab, denen die Ostdeutschen selbst unterlagen.

          Die Beziehungen zwischen den mächtigen Vereinigten Staaten und dem kleinen Musterschüler am Westrand des Imperiums der Sowjetunion waren weder besonders gut noch von herausgehobener Bedeutung. Die Bürgerrechtler in beiden Hemisphären kämpften mit unterschiedlichen Problemen; die Machtpolitik der SED provozierte gänzlich andere Fragen als der Rassismus in Amerika.

          Maria Schubert arbeitet Wechselwirkungen und transnationale Verflechtungen heraus, indem sie anhand einzelner Protagonisten der amerikanischen Bewegung den Bezug zur DDR herstellt. Sie erinnert zunächst an den weitgehend vergessenen Sänger und Aktivisten Paul Robeson und begibt sich dann auf die Spuren Martin Luther Kings, der 1964 einen legendären Kurzbesuch in Ost-Berlin machte und in der Marien- und der Sophienkirche spontan predigte: „In Jesus there is no East, no West, no North, no South, but one great fellowship of love!“ Schubert schildert anschließend den Spagat zwischen Ost und West, den der Baptistenpfarrer Ralph Abernathy nach der Ermordung Kings versuchte. Und schließlich zeichnet sie den staatssozialistischen Heldenkult um die schillernde Leitfigur der Black-Power-Bewegung Angela Davis nach, die in der DDR zur Stilikone avancierte. Die Afroamerikanerin wurde von der SED vereinnahmt, obgleich sie – anders als der Gewaltlosigkeit predigende Martin Luther King – durchaus radikale Positionen vertrat.

          Einige Vorkämpfer der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung hingen kommunistischen Idealen an und ließen sich als Helden im Kampf gegen den Imperialismus feiern – dort ihrerseits blind gegenüber Menschenrechtsverletzungen. In der SED-Spitze fand „das andere Amerika“ Unterstützung insbesondere unter vormaligen Exilanten, die nicht in Moskau, sondern bei den Westalliierten Schutz vor dem Nationalsozialismus gesucht hatten. Die SED insgesamt konnte nachvollziehbarerweise der Forderung nach Freiheit nicht so viel abgewinnen wie den allgemein gehaltenen Appellen für Frieden und gegen Unterdrückung.

          In ihrer detailreichen Promotionsarbeit durchschreitet Schubert die unterschiedlichen Phasen der SED-Herrschaft, die sich in der unter Walter Ulbricht rigiden oder unter Erich Honecker etwas gelockerten Haltung gegenüber dem Klassenfeind jenseits des Atlantiks und den Kirchen im eigenen Land zeigen. Die Begeisterung der nichtchristlichen Mehrheitsgesellschaft für die afroamerikanischen Bürgerrechtler passte ins Bild der SED, die über die Solidarität mit amerikanischen Berühmtheiten Weltläufigkeit und Internationalität beweisen konnte.

          Schubert misst dem Einfluss der Bewegung auf die DDR-Bevölkerung eine hohe Bedeutung zu – über das relativ geschützte kirchlich-oppositionelle Milieu hinaus. Und sie sieht zugleich den Widerspruch, der sich angesichts der aktuell aufbrechenden Xenophobie in den ostdeutschen Bundesländern zu dieser Feststellung heute ergibt. Fragwürdig ist ihre Annahme, dass die Solidaritätsbekundungen vieler DDR-Bürger für Angela Davis – die genaue Zahl der Unterstützer oder deren Motive lassen sich nicht rekonstruieren – zum Freispruch der Angeklagten in Amerika beigetragen hätten. Dass sich ein amerikanisches Gericht von Post aus der DDR beeinflussen ließ, ist schwer vorstellbar.

          Maria Schubert nutzt umfangreiche Quellen, auch aus der Stasi-Unterlagenbehörde. Seltsamerweise zitiert sie die Westpresse nur aus diesen Beständen. Dass sie die Erinnerung von Zeitzeugen anzapft, liegt nahe, wobei sie auf eine breite Befragung prominenter Kirchenvertreter, staatlicher Funktionsträger oder Journalisten von einst leider verzichtet. Etwas weniger Theorie, einige Straffungen und elegantere Übergänge hätten dem Band gutgetan. Und unerklärlich bleibt, warum in einer akademisch aufgeladenen, bisweilen auch überladenen Untersuchung elegische Sprachbilder nicht korrigiert wurden.

          Die Studie enthüllt 30 Jahre nach der friedlichen Revolution noch immer deutliche Ost-West-Unterschiede in der Sicht auf die Welt, obgleich sich die Autorin aktuellen Forschungsansätzen verschrieben hat. Ihre Fragen, ihre Akzentsetzungen und die Ergebnisse ihrer immensen Fleißarbeit sind genau deshalb interessant: Maria Schubert blickt durch die Brille der ostdeutschen Pfarrerstochter, die staunen kann, unbeirrt fragt und auch überlieferte westdeutsche Positionen nicht für sakrosankt hält. „We shall overcome“ klingt so am Ende nach einer fortwährenden Aufforderung – einer zeitlosen Ermutigung zu gedanklicher Freiheit.

          Maria Schubert:

          „We shall overcome“. Die DDR und die amerikanische Bürgerrechtsbewegung.

          Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2018. 443 S., geb., 89,– .

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