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Innerislamische Kritik : Lebhafter und kontroverser Diskurs

Islamismusprävention Niedersachsen Bild: dpa

Salafisten behaupten, sie seien im Besitz der absoluten Wahrheit. Das sehen viele Muslime anders.

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          Salafisten tragen maßgeblich zum negativen Bild des Islams in der Öffentlichkeit bei. Das überrascht nicht. Denn ihre Ansichten zur Demokratie und den Menschenrechten, zum Rechtsstaat und zur Gleichberechtigung stehen im Gegensatz zum Grundgesetz. Außerdem haben die dem Dschihad verpflichteten Salafisten weite Teile der Welt mit Terror überzogen. Zudem beanspruchen die Salafisten, dass sie allein den „wahren Islam“ vertreten. Das nehmen hierzulande (zu) viele für bare Münze, obwohl es falsch ist.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Daher ist es das Verdienst des Islamwissenschaftlers Hazim Fouad, dass er die deutschsprachigen Leser in die innerislamische Auseinandersetzung mit dem Salafismus einführt, die weitgehend auf Arabisch stattfindet. Dazu hat der Islamwissenschaftler, der sich im Bremer Landesamt für Verfassungsschutz auch praktisch mit dem Salafismus beschäftigt, Bücher und Predigten, Fernsehdiskussionen und Videovorträge der vergangenen Jahre ausgewertet.

          Den Lesern präsentiert er einen lebhaften innerislamischen Diskurs. Eine Streitkultur wird sichtbar, die den Islam in seiner Vielfalt zeigt. Dazu stellt er Theologen und Religionswissenschaftler vor, die er als Traditionalisten, Sufis und Modernisten einteilt. Sie kritisieren den Salafismus theologisch und islamrechtlich, aber auch dessen Sicht auf die Geschichte und die Gesellschaften. Am Ende wissen die Leser: „Es existiert ein immenses, aus bekenntnisorientierter Perspektive formuliertes Korpus an Salafismuskritik.“ Ausführlich arbeitet der Autor die Kritik der traditionalistischen Gelehrten heraus. Ihnen zufolge bedarf es im Islam keinerlei grundlegender Veränderung oder Erneuerung. Den Salafisten werfen sie indes vor, sie seien unverhältnismäßig streng und rigide, kümmerten sich um Nebensächlichkeiten, und ihre Anführer seien theologisch unzureichend gebildet. Dadurch entstünden falsche Auslegungen. Beispielsweise nähmen sie einzelne Hadithe, also Taten oder Worte Muhammads, für sich allein und stellten sie nicht in einen Kontext. Die Folge seien verquere Ergebnisse, die das Leben der Menschen letztlich erschwerten anstatt, wie es das Ziel des Islams sei, dieses zu erleichtern.

          Die Traditionalisten werfen den Salafisten vor, dass sie an die Stelle eines flexiblen islamischen Rechts ein starres Regelwerk setzen sowie die Auslegung der heiligen Texte mit hermeneutischen Methoden und dem Verstand ablehnen. Ein Beispiel dazu ist der Dschihad. Traditionalisten argumentieren, zwar habe der Dschihad im 7. Jahrhundert seine Berechtigung gehabt, denn damals sei ja der Krieg der Normalzustand zwischen den Völkern gewesen. Heute sei hingegen eher Frieden die Norm, und der Islam könne mit Mitteln der modernen Kommunikation friedlich verbreitet werden. Für Traditionalisten sind demnach Rechtsurteile, also Fatwas, nach Ort und Zeit – damit auch in Abhängigkeit der naturwissenschaftlichen Forschung – wandelbar. Demgegenüber halten Salafisten an einmal gemachten Interpretationen fest, solange sie in ihrem Sinne sind.

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