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Imagepflege : Die Kunst der Überzeugung und Überredung

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Bild: dpa

Es war so etwas wie die „Zweite Front“ des Kalten Krieges. Wie die EU um die Gunst der Menschen warb.

          3 Min.

          Soft power und public diplomacy werden traditionell als Ergänzung des klassischen außen- und sicherheitspolitischen Instrumentariums in der Diplomatie gesehen. Beide Konzepte gewinnen allerdings in der Europa-Forschung erst mit Entstehung der Europäischen Union 1992 an Bedeutung. Die Begriffe werden heute zum Teil synonym gebraucht und ganz allgemein als Fähigkeit von Staaten definiert, „durch die Kunst der Überzeugung und des Überredens andere Staaten zu bewegen, die eigenen Ziele und Interessen zu übernehmen“ (Joseph Nye). Damit unterscheidet sich soft power von hard power als der Fähigkeit, mit den Mitteln von ökonomischen Anreizen und/oder militärischer Macht anderen Staaten die eigenen Ziele mit Gewalt aufzuzwingen.

          Die EU verfügt nach Ansicht von Europa-Experten wie -politikern ganz allgemein über ein großes Repertoire von Soft-power-Ressourcen. Mit den institutionellen Veränderungen durch den Vertrag von Lissabon im Bereich der public diplomacy ist sie seither bemüht, mittels strategisch ausgerichteter Kommunikationsmaßnahmen Zustimmung und Verständnis für das Projekt Europa in der Bevölkerung der Mitgliedstaaten zu generieren und das eigene Außenbild zu verbessern.

          Dass dies in begrenztem Maße auch schon während des Kalten Krieges galt, unterstreicht der vorliegende Band. Schon damals finden sich unter dem Dach dieses vielschichtigen außenpolitischen Handlungskonzepts nach Meinung der Herausgeber einander teilweise überlappende Begriffe und Konzepte wie Soft Power, auswärtige Kultur- und Bildungspolitik; Träger waren dabei nicht nur Regierungen, sondern auch Nichtregierungsorganisationen und Bürgerinitiativen, deren Aktivitäten gleichermaßen Elemente nationaler Identität und Kultur transportierten (mit dem Ziel der Information, Überzeugung und Beeinflussung des Zielpublikums und der internationalen Meinungsbildner) wie den direkten Austausch (Tourismus, Musik, Sport etc.) beförderten.

          Anders als die meisten Studien zu diesem Themenkomplex analysieren die in dem Sammelband versammelten Autoren public diplomacy jedoch nicht aus der Perspektive des Ost-West-Antagonismus beziehungsweise des Ideologiewettstreits der beiden Supermächte, sondern rücken Europa – und zwar auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs – in den Mittelpunkt ihrer Beiträge, indem sie es vom Objekt zum Subjekt, zum Handelnden werden lassen. So erfahren wir von den Tito-Pionieren, der politischen Massenorganisation zur politischen Indoktrination von Kindern im früheren Jugoslawien, dänischen Touristen in der Bundesrepublik und Ost-Berlin, Friedensbewegungen in der Sowjetunion oder britisch-polnischer Zusammenarbeit in der Kulturpolitik als Akteure, Agendasetter und Beförderer transnationaler Verständigung. Das Narrativ vom geteilten Kontinent wird dadurch relativiert, Europa zum Ort des grenzüberschreitenden Kulturdialogs und aktiver Völkerverständigung. Sinnbildlich für die Diskrepanz zwischen faktischer politischer Grenze und zwischengesellschaftlicher Begegnung, so eine der Autorinnen, wird die innerdeutsche Grenze beziehungsweise die Mauer als touristische Attraktion.

          Die Essenz des Bandes lässt sich damit auf zwei Kernaussagen reduzieren: Erstens, public diplomacy ermöglicht direkte Kontakte und Begegnungen, wo diplomatische Mittel ideologisch antagonistischer Regierungen versagen. Zweitens ist sie Instrument zur Rehabilitierung, Projektion und Förderung internationaler Akzeptanz unterschiedlicher Regime und wirkt über direkte Kontakte vertrauensbildend. Sinnbildlich für diese Sicht stehen der KSZE-Prozess beziehungsweise die Schlussakte von Helsinki aus dem Jahr 1975, deren Grundidee nicht nur die Selbstverpflichtung der Staaten zur Unverletzlichkeit der Grenzen und der Wahrung der Menschenrechte und Grundfreiheiten bedeutete, sondern auch die direkte politische Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen und sukzessive Zusammenführung der Gesellschaften ermöglichen sollte.

          Die im Band versammelten Beiträge unterstreichen darüber hinaus allerdings auch, dass public diplomacy und soft power nicht nur Instrumente der Verständigung, sondern aus Sicht insbesondere osteuropäischer Staaten auch probates Propagandamittel der Regierungen zur Selbstinszenierung waren. So diente beispielsweise eine gemeinsame Ausstellung Polens und Großbritanniens zu „1000 Jahre polnische Kunst“ Warschau nicht nur dazu, die enge Verbindung zur europäischen Kultur darzustellen, sondern die genuin polnische „Andersartigkeit“ herauszustellen.

          Ein ähnliches Muster sehen die Autoren eines Beitrags über alljährliche Kulturfestivals in Spanien: sie dienten nicht nur der Verbreitung spanischer Popkultur nach außen, sondern seit den fünfziger Jahren vor allem der politischen Legitimierung des Franco-Regimes. Schließlich nutzte Moskau die vom Westen wegen der Intervention in Afghanistan zum Teil boykottierten Olympischen Spiele 1980 zu einer beispiellosen Machtdemonstration des sozialistischen Projekts weit über die rein sportliche Dimension hinaus.

          Abgerundet wird der Band durch die Beiträge, die sich mit den gesellschaftlichen Verbindungen und kulturellen Aktivitäten aus dem vorpolitischen Raum beschäftigen. Deren Zweck war zwar primär vertrauensbildender und Grenzen überwindender Natur durch die direkte Begegnung (so die Friedensbewegungen auf beiden Seiten 1982 oder die dänische Bewegung „Next Stop Soviet“). Nicht selten aber entfalteten sie dabei auch eine stärkere politische Wirkung als intendiert, indem sie wie die Jugendbrigaden Titos einen nachhaltigen Einfluss auf die Neue Europäische Linke ausübten, oder verzerrten das Image des Gastlandes als weitgehend weltoffenes und apolitisches (so im Fall dänischer Touristen in Berlin), indem sie bewusst das Bild einer physisch wie mental geteilten Stadt in die Heimat kolportierten.

          Óscar J. Martín García / Rósa Magnúsdóttir: Machineries of Persuasion. European soft power and public diplomacy during the Cold War.

          De Gruyter Oldenbourg, München 2019. 221 S., 79,95 .

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