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Im Auftrag der Stasi : Kein Pardon mit Widersachern!

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Ausrüstung von Mitarbeitern der Staatssicherheit in der Dauerausstellung «Staatssicherheit in der SED-Diktatur» in der ehemaligen Stasi-Zentrale in der Normannenstraße in Berlin zu sehen am 14. Januar 2015 Bild: dpa

In mehreren hundert Fällen wurden Menschen aus West-Berlin und der Bundesrepublik in die DDR verschleppt, inhaftiert und hingerichtet. Erstmals liegt eine aktengestützte Untersuchung über die Entführungspraktiken der Stasi und die Erforschung der Täter vor.

          In Diktaturen kann es jeden Tag passieren: Menschen verschwinden spurlos. Sie werden aus politischen Gründen entführt, geraubt, ermordet. „Vorsicht! Bei Gesprächen (Spitzelgefahr) bei Einladungen (Menschenraub) im Schriftverkehr nach der Ostzone“, warnte ein Schild im Notaufnahmelager Berlin-Marienfeld im Jahr 1959 nicht ohne Grund. Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) schreckte vor nichts zurück. In mehreren hundert Fällen wurden Menschen aus West-Berlin und der Bundesrepublik in die DDR verschleppt, inhaftiert und hingerichtet. Selbst nach der Wiedervereinigung stritten hohe MfS-Mitarbeiter solche Verbrechen ab oder suchten ihr Vorgehen als legal im Sinne des DDR-Rechts zu verteidigen.

          Erstmals liegt eine aktengestützte Untersuchung über die Entführungspraktiken der Stasi und die Erforschung der Täter vor. Anhand von Personal- und Operativakten des MfS, Prozess- und Polizeiunterlagen, vornehmlich aus den 1950er Jahren, werden Planung, Tathergang und Ermittlungen in 50 Fällen durchleuchtet, aber auch Rekrutierungsmuster, Motive und Weltbilder der Entführer hinterfragt, warum sie Erfüllungsgehilfen des SED-Regimes wurden. Im Kampf der Systeme schienen im geteilten Deutschland und Berlin alle Mittel recht, Widersacher des Arbeiter- und Bauernstaates zu bekämpfen. Mit gezielten Repressalien, Täuschungsmanövern, brutalen Überfällen und Verschleppungen am helllichten Tage bis hin zu Mordszenarien, die Stasi-Chef Erich Mielke persönlich genehmigte, meinte das MfS die Destabilisierung der DDR verhindern zu müssen.

          In Rückkoppelung mit den sowjetischen Besatzern und dem KGB wollte man nach bewährten stalinistischen Methoden Regimekritiker verunsichern, einschüchtern und mundtot machen. Obgleich genaue Zahlen schwer zu ermitteln sind, registrierte die West-Berliner Polizei von April 1949 bis März 1962 rund 250 Opfer, dazu 80 versuchte Entführungen oder Verschleppungen und 240 Tatverdächtige. Bis Oktober 1972 stieg die Zahl auf etwa 400 Fälle. Zudem wurden Anfang der 1950er Jahre rund 1000 deutsche Zivilisten nach Moskau verbracht und Todesurteile vollstreckt.

          Zur Opfergruppe gehörten Überläufer aus den eigenen Reihen, Volkspolizisten und Soldaten der Nationalen Volksarmee. Sie galten als Verräter der kommunistischen Ideale, mit denen man keine Nachsicht duldete. Ins Visier des MfS gerieten auch Bundesbürger wie der Rechtsanwalt Walter Linse, der Publizist Karl Wilhelm Fricke oder der Gewerkschaftler Heinz Brandt. Sie engagierten sich in antikommunistischen Organisationen wie dem Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen (UFJ), der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) oder arbeiteten in den Ostbüros westdeutscher Parteien, die das MfS als westliche Agentenzentralen ansah. Führende Köpfe sollten für ihre Verhaltensweisen bestraft oder eliminiert werden. Die Organisationen wären dadurch in ihrem Widerstand gegen die DDR geschwächt und diskreditiert. Betroffen waren auch Fluchthelfer und Flüchtlinge. Sie wurden in Notaufnahmelagern regelmäßig vom BND befragt und standen in Verdacht, für die Gegenseite zu arbeiten.

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