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Historische Bildung : Die alternativlose Zwickmühle

  • -Aktualisiert am

Brennende Häuser im Kosovo am 27. März 1999 Bild: AFP

Der Kosovo-Krieg 1999 war ein historischer Meilenstein. Warum? Dieses dünne Buch erklärt es.

          4 Min.

          Mit der 2018 gestarteten Reihe „Kriege der Moderne“ hat der Reclam-Verlag zusammen mit dem Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) auf dem deutschsprachigen Büchermarkt in gewisser Weise Neuland betreten. Die Idee zeugt davon, dass es anscheinend auch in der oft der Realität des Krieges abgewandten, „postheroischen“ Gesellschaft der Bundesrepublik einen wachsenden Bedarf an anschaulichen und gut lesbaren Darstellungen der Kriegsgeschichte auch für interessierte Laien gibt. Der grundsätzliche Aufbau der Reihe mit dem Dreiklang von konziser Darstellung des historisch-politischen Kontextes, der strategischen und operativen militärischen Führung und der exemplarischen Konkretisierung der individuellen Einsatzerfahrungen eines Krieges ist im Sinne einer größtmöglichen Zugänglichkeit von Themen der Kriegsgeschichte nur zu begrüßen.

          Nachdem sich die ersten Bände der Reihe mit Aspekten des Ersten und vor allem des Zweiten Weltkrieges befasst hatten, wendet sich Hans-Peter Kriemann, Mitarbeiter des ZMSBw im Projektbereich Einsatzgeschichte, nun der jüngsten deutschen Kriegs- und Militärgeschichte zu. Ihm gelingt es in ebenso anschaulicher wie präziser Weise, das deutsche Grunddilemma des Kosovo-Krieges zu verdeutlichen: die fundamentale Spannung zwischen innenpolitischer Skepsis bis zur Zerreißprobe der rot-grünen Koalition und außenpolitischem Erwartungsdruck der Verbündeten. Dabei verhehlt er nicht, dass die Bundesregierung an der Eskalation des jugoslawischen Zerfallsprozesses, an dessen Ende der Kosovo-Krieg stand, nicht völlig unschuldig war, denn mit der Anerkennung Sloweniens und Kroatiens im Dezember 1992 war „die Büchse der Pandora geöffnet worden“. Im Kosovo führten Aktionen der antiserbischen Befreiungsarmee UCK, bei der die „Grenzen zwischen Widerstandsorganisation und organisierter Kriminalität . . . fließend“ waren, 1997/98 zur gewaltsamen Eskalation der Situation. Kriemann gelingt es auf engem Raum, die Komplexität der Motivlagen der Nato-Staaten angesichts der sich anbahnenden humanitären Katastrophe und der russischen Veto-Drohung im UN-Sicherheitsrat gegen etwaige militärische Maßnahmen gegen die serbischen Sicherheitskräfte überzeugend herauszuarbeiten, wozu nicht zuletzt im deutschen Fall die Angst vor erneuter Massenzuwanderung aus dem Balkan gehörte.

          Der innenpolitisch motivierte Unwillen der Amerikaner zu einer Militäraktion führte zu deutsch-französischen Vorstellungen von WEU-Maßnahmen, wobei die Vorschläge des Auswärtigen Amtes vom Bundesverteidigungsministerium abgelehnt wurden, da man dort annahm, dass der Aufbau einer Drohkulisse gegenüber Restjugoslawien ohne Beteiligung und Führung der Amerikaner gar nicht möglich sein würde. Interessant ist hierbei, dass die Situation in Washington durchaus vergleichbar war und die Militärs sich weitgehend einig über die zu vermeidenden Risiken militärischer Drohungen waren. Auch der Kosovo-Krieg zeigt damit, dass die professionellen Militärs gegenüber dem Einsatz von Gewalt zur Erreichung politischer Ziele grundsätzlich skeptisch sind, wenn diese nicht konsequent durchdacht sind.

          Zwar setzte sich angesichts der allmählichen Zuspitzung der Lage im Kosovo, begleitet von einer entsprechenden Medienberichterstattung („CNN-Effekt“), unter den Nato-Staaten die Auffassung durch, eine militärische Drohung gegenüber Belgrad sei notwendig, doch die Dominanz der amerikanischen Kapazitäten und der Wille Washingtons, sich von Russland und dem UN-Sicherheitsrat nicht seine Handlungsfreiheit nehmen zu lassen, führten schnell dazu, dass die amerikanische Perspektive schnell auch den diplomatischen Kurs der Nato dominierte, was am 24. März 1999 zur militärischen Intervention ohne UN-Mandat führte.

          Auch hinsichtlich der Kriseneskalation zeichnet der Verfasser die strategischen Restriktionen und Mängel der Nato und der Bundesregierung schonungslos nach: Dies betrifft den unerwartet wirkungsschwachen Luftkrieg, die sukzessive Eskalation der Luftangriffe mit zivilen Opfern bis hin zu konkreten Überlegungen einer Bodenoffensive unter (geplanter) Beteiligung deutscher Kampftruppen. Gleichzeitig war für die Bundesregierung klar, dass sich Deutschland aus den Militäraktionen nicht heraushalten konnte, denn angesichts „der politischen Lage war die Entscheidung, wie Fischer es ausdrückte, ,alternativlos‘“. Zwar zögerte Berlin die offizielle Zustimmung zum Militäreinsatz angesichts der innenpolitischen Widerstände so lange hinaus wie möglich, doch Kriemann stellt lapidar fest: „Militärisches Effizienzdenken, das von einer rationalen Steuerbarkeit und Berechenbarkeit des Krieges geprägt ist, entfaltete im Kosovokrieg in Verbindung mit Zeitdruck eine Dynamik, der sich die Deutschen nicht entziehen konnten. Vieles spricht allerdings dafür, dass Deutschland im Falle einer Bodeninvasion nicht einfach aus dem Bündnis ausgeschert wäre.“ Umso eifriger bemühte sich die Bundesregierung angesichts eines drohenden Zerbrechens der Koalition um eine diplomatische Beendigung des Krieges, was schließlich angesichts der Aufgabe der russischen Unterstützung für Belgrad angesichts diplomatischer Avancen und des Bedarfs an westlichen Krediten auch gelang, so dass die isolierte serbische Führung am 31. Mai 1999 den Kfor-Plänen zustimmte und die Bombardements am 10. Juni schließlich endeten.

          Insgesamt gelingt dem Verfasser eine überaus überzeugende Synopse der Vorgeschichte, des politisch-diplomatischen und militärischen Verlaufs und der Ergebnisse des Kosovo-Krieges, was durch die schlaglichtartigen Erfahrungsberichte eingesetzter deutscher Luftwaffensoldaten eindrücklich illustriert wird. Insbesondere die politischen und militärischen Zwickmühlen, in denen sich nicht zuletzt die Bundesregierung wiederfand, sowie das teilweise deutliche Auseinanderklaffen zwischen innen- und außenpolitischer sowie diplomatischer und militärischer Perspektive werden eindrücklich dargestellt. Sie verweisen auf die grundsätzlichen strategischen Probleme westlicher Demokratien angesichts humanitärer Krisen in anderen Ländern. Gleichwohl kann man einige wichtige Kritikpunkte anbringen: So hätte noch grundsätzlicher auf das Scheitern der zeitgenössisch so beliebten Doktrin, wonach Konflikte ausschließlich aus der Luft zu gewinnen sind, hingewiesen werden können. Auch die implizit kritisierte Dominanz der Vereinigten Staaten lässt sich zudem in erster Linie auf das Versagen der Europäer zurückführen, das bereits im Bosnien-Krieg augenfällig geworden war. Schließlich erscheint die Folgerung, die Intervention im Kosovo sei durch die im Anschluss entstandene UN-Konzeption der Responsibility to Protect (R2P) zu „einem wichtigen historischen Meilenstein“ allzu vereinfacht, wenn man sich vor Augen führt, dass die R2P in der Praxis mittlerweile fast wieder obsolet ist und das trotz aller Legitimationsversuche völkerrechtswidrige Vorgehen der Nato 1999 etwa als propagandistische Rechtfertigung der russischen Annexion der Krim herangezogen worden ist.

          Entsprechend der weiter bestehenden Bedeutung bewaffneter Konflikte im internationalen System und den immer wieder auftretenden strategischen Zwickmühlen nicht zuletzt für die Bundesregierung ist dem Band eine möglichst breite Leserschaft zu wünschen.

          Hans-Peter Kriemann: „Der Kosovokrieg 1999“.

          Philipp Reclam jun. Verlag, Ditzingen 2019. 160 S., 14,95 .

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