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Historische Bildung : Die alternativlose Zwickmühle

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Auch hinsichtlich der Kriseneskalation zeichnet der Verfasser die strategischen Restriktionen und Mängel der Nato und der Bundesregierung schonungslos nach: Dies betrifft den unerwartet wirkungsschwachen Luftkrieg, die sukzessive Eskalation der Luftangriffe mit zivilen Opfern bis hin zu konkreten Überlegungen einer Bodenoffensive unter (geplanter) Beteiligung deutscher Kampftruppen. Gleichzeitig war für die Bundesregierung klar, dass sich Deutschland aus den Militäraktionen nicht heraushalten konnte, denn angesichts „der politischen Lage war die Entscheidung, wie Fischer es ausdrückte, ,alternativlos‘“. Zwar zögerte Berlin die offizielle Zustimmung zum Militäreinsatz angesichts der innenpolitischen Widerstände so lange hinaus wie möglich, doch Kriemann stellt lapidar fest: „Militärisches Effizienzdenken, das von einer rationalen Steuerbarkeit und Berechenbarkeit des Krieges geprägt ist, entfaltete im Kosovokrieg in Verbindung mit Zeitdruck eine Dynamik, der sich die Deutschen nicht entziehen konnten. Vieles spricht allerdings dafür, dass Deutschland im Falle einer Bodeninvasion nicht einfach aus dem Bündnis ausgeschert wäre.“ Umso eifriger bemühte sich die Bundesregierung angesichts eines drohenden Zerbrechens der Koalition um eine diplomatische Beendigung des Krieges, was schließlich angesichts der Aufgabe der russischen Unterstützung für Belgrad angesichts diplomatischer Avancen und des Bedarfs an westlichen Krediten auch gelang, so dass die isolierte serbische Führung am 31. Mai 1999 den Kfor-Plänen zustimmte und die Bombardements am 10. Juni schließlich endeten.

Insgesamt gelingt dem Verfasser eine überaus überzeugende Synopse der Vorgeschichte, des politisch-diplomatischen und militärischen Verlaufs und der Ergebnisse des Kosovo-Krieges, was durch die schlaglichtartigen Erfahrungsberichte eingesetzter deutscher Luftwaffensoldaten eindrücklich illustriert wird. Insbesondere die politischen und militärischen Zwickmühlen, in denen sich nicht zuletzt die Bundesregierung wiederfand, sowie das teilweise deutliche Auseinanderklaffen zwischen innen- und außenpolitischer sowie diplomatischer und militärischer Perspektive werden eindrücklich dargestellt. Sie verweisen auf die grundsätzlichen strategischen Probleme westlicher Demokratien angesichts humanitärer Krisen in anderen Ländern. Gleichwohl kann man einige wichtige Kritikpunkte anbringen: So hätte noch grundsätzlicher auf das Scheitern der zeitgenössisch so beliebten Doktrin, wonach Konflikte ausschließlich aus der Luft zu gewinnen sind, hingewiesen werden können. Auch die implizit kritisierte Dominanz der Vereinigten Staaten lässt sich zudem in erster Linie auf das Versagen der Europäer zurückführen, das bereits im Bosnien-Krieg augenfällig geworden war. Schließlich erscheint die Folgerung, die Intervention im Kosovo sei durch die im Anschluss entstandene UN-Konzeption der Responsibility to Protect (R2P) zu „einem wichtigen historischen Meilenstein“ allzu vereinfacht, wenn man sich vor Augen führt, dass die R2P in der Praxis mittlerweile fast wieder obsolet ist und das trotz aller Legitimationsversuche völkerrechtswidrige Vorgehen der Nato 1999 etwa als propagandistische Rechtfertigung der russischen Annexion der Krim herangezogen worden ist.

Entsprechend der weiter bestehenden Bedeutung bewaffneter Konflikte im internationalen System und den immer wieder auftretenden strategischen Zwickmühlen nicht zuletzt für die Bundesregierung ist dem Band eine möglichst breite Leserschaft zu wünschen.

Hans-Peter Kriemann: „Der Kosovokrieg 1999“.

Philipp Reclam jun. Verlag, Ditzingen 2019. 160 S., 14,95 .

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