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Hinter den Kulissen : Der Sumpf jenseits des Rasens

Was mag in den Taschen sein? Gerd Müller und Robert Schwan, der „Macher“ des FC Bayern Bild: Imago

Fußball ist nur ein Spiel. In seiner Profi-Variante gelten aber ganz besondere Regeln.

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          Wenn es eine Fußballerbiographie in den politischen Teil dieser Zeitung schafft, dann muss etwas anders sein als bei den handelsüblichen Lebensbeschreibungen der großen Weltstars. Beim jüngsten Werk über den großen Gerd Müller fällt schon der Autor aus dem bekannten Raster: Hans Woller, Historiker und lange Zeit Herausgeber der „Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte“. Hier hat sich jemand mit einem ganz anderen Blick an die mythenvernebelte Frühzeit des deutschen Profifußballs gemacht. In der Flut von Fußballliteratur – darauf weist Woller in seinem Vorwort hin – gibt es bis dato keine einzige breit recherchierte und methodisch anspruchsvolle Biographie, die den Blick über das rein Sportliche und Persönliche der Stars hinaus wagt und auch die Welt jenseits des Rasenvierecks reflektiert. „Gerd Müller oder wie das große Geld in den Fußball kam“ hat er sein Buch benannt.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Vieles aus der großen Zeit der Müllers, Beckenbauers und Maiers ist längst Legende: der märchenhafte Aufstieg der Jungs aus der Nachkriegstristesse in den internationalen Jet-Set, das Leben in den Klatschspalten und die teils bis heute unerreichten Rekorde. Dass es in den ersten Jahren des kommerziellen Profifußballs finanziell alles andere als koscher zugegangen ist, war irgendwie schwer zu leugnen, doch nachbohren wollte eigentlich niemand.

          Als der junge Gerd Müller 1964 nach München kam, war er ein typisches Kind seiner Generation. Ein paar Monate nach Kriegsende in Nördlingen geboren, wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater erst Tagelöhner, später Fahrer einer Kohlen- und Lumpenhandlung, die Mutter kümmerte sich um die vier Kinder. Die Schule hatte den jungen Gerd nie groß interessiert und erst recht keine Erfolge gebracht. Sicher fühlte sich der junge Müller vor allem auf dem Fußballplatz, wo nichts zählte als sein Talent und der unbändige Wille. Beim TSV Nördlingen wurde er bald aus dem Umfeld des FC Bayern entdeckt, der damals zwar noch im Schatten seines Lokalkonkurrenten TSV 1860 München stand, aber dem Nachwuchstalent offenbar bessere Perspektiven bieten konnte. Und wo Müller bald viel Geld verdienen sollte, zumindest unter der Hand.

          Müller war nicht der Einzige, die ganze Liga fußte damals auf einem System von schwarzen Zahlungen. Denn die Funktionäre des deutschen Fußballs hatten sich Anfang der sechziger Jahre zwar dazu durchgerungen, den Weg zum Profitum zu gehen. Doch hing man hierzulande nach außen weiter an der idealisierten Vorstellung, dass der Fußballsport eine „saubere“ Sache sei und von den Gesetzen des Mammons freigehalten werden müsse. Die wirklichen Gründe waren freilich nicht nur ideeller Art. Denn was auf dem Spiel stand, war die Gemeinnützigkeit der Vereine, ohne die deftige Steuern fällig geworden wären. Um die Gemeinnützigkeit zu bewahren, wurden Gehälter und Ablösesummen streng gedeckelt – und waren damit weit entfernt von dem tatsächlichen Wert, den die Stars in einer entstehenden Medienwelt entwickelten.

          Beinahe logische Folge dieser Kluft zwischen tatsächlichem Wert und realen Gehältern war ein System schwarzer Kassen und Zulagen. Die Bayern-Führungsriege um Manager Robert Schwan, eine Gruppe von Männern, die über ihre Vergangenheit lieber schwiegen und in den Wirren der Nachkriegszeit zu Geld und Einfluss gekommen waren, erkannte das wirtschaftliche Potential des Fußballs früher als andere. Doch Sponsoring und Einnahmen aus Fernsehübertragungen und der Werbung waren noch Zukunftsmusik. Als einzig verlässliche Erlösquelle blieben Gastspiele und zum Teil ausgedehnte Auslandstourneen in Sommer- und Winterpause. Auf diesen Reisen kassierte Manager Schwan laut Woller hohe DM- und Dollar-Summen ein, immer in bar und nie regulär verbucht. Der größte Anteil ging in Briefumschlägen direkt an die Spieler, mit „dicken Bündeln“ seien sie zurückgekehrt, berichtete Beckenbauer später.

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