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Hermann Strauß : Schreckliches Finale

  • -Aktualisiert am

Hermann Strauß 1905 mit seinem Sohn Bild: Abb. a. d. bespr. Band

Trotz aller Demütigungen hielt Hermann Strauß als Häftling in Theresienstadt bis zu seinem Lebensende 1944 medizinische Vorträge, die den Leidensgenossen im Lager ein wenig Hilfe und Lebensfreude vermitteln sollten.

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          Irene Hallmann-Strauß, Enkelin des Arztes Hermann Strauß, hat den jüngst erschienenen Erinnerungen ihres Großvaters ein sehr einfühlsames und zugleich wegweisendes Vorwort vorangestellt. Der 1868 in Heilbronn am Neckar geborene Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie sei in „wohlsituierten Verhältnissen“ aufgewachsen, habe alle Klassen des Gymnasiums als Primus absolviert und sei ein über die Landesgrenzen hinaus angesehener Mediziner geworden, insbesondere auf den Gebieten der Nieren- und Stoffwechselkrankheiten. 1942 ist er von Nationalsozialisten in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt worden und dort 1944 nach einem Herzinfarkt verstorben. Seine Theresienstädter Aufzeichnungen offenbaren die menschliche Größe eines leidenschaftlichen Mediziners. „Kein Hass, keine Rachegefühle gegen seine Peiniger sprechen aus diesen Zeilen.“ Trotz aller Demütigungen hielt er bis zu seinem Lebensende medizinische Vorträge, die den Leidensgenossen im Lager ein wenig Hilfe und Lebensfreude vermitteln sollten.

          Theresienstadt wurde Ende des 18. Jahrhunderts von Kaiser Joseph II. als Garnisonstadt gegründet und nach seiner Mutter Maria Theresia benannt. Die Nationalsozialisten richteten dort 1941 ein Getto ein, in dem sie vorwiegend ältere und prominente Juden internierten. Theresienstadt wurde von den NS-Machthabern als „jüdische Vorzeigesiedlung“ benutzt, wo sie den zahlreichen Künstlern und Wissenschaftlern unter den Häftlingen erlaubten, kulturelle Aktivitäten zu entfalten. Ein Propagandafilm („Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“) präsentierte das Leben der Juden „unter dem wohltätigen Schutz des Dritten Reiches“ - eine tödliche Täuschung, denn nach dem Besuch einer internationalen Rotkreuzdelegation im Juli 1944 wurden die meisten jüdischen „Darsteller“ in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert.

          Seine handschriftlichen Notizen und Aufzeichnungen hatte Hermann Strauß seinen Enkeln gewidmet. Vor diesem Hintergrund werden einige Leitmotive deutlich, mit denen Irene Hallmann-Strauß ihr nachhaltiges Vorwort schließt: „Das nationalsozialistische Regime hat unendliches Unrecht auf unser Land geladen. Ein Unrecht, das man nicht wiedergutmachen kann! Wir können nur unseren Teil dazu beitragen, dass in der Welt eines Tages wirkliche Freiheit herrscht. Das setzt voraus, dass Politik und Religion unabhängig voneinander agieren. Und das setzt auch voraus, dass alle Weltreligionen einander respektieren, achten und vor allem nicht gegeneinander missionieren. Dann wird die Religion auch nicht mehr als Schutzschild für Verbrechen genutzt.“

          Die meisten Manuskripte sind erhalten geblieben und den Angehörigen übergeben worden, die sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben. Zwischen 1941 und 1944 schildert Hermann Strauß in drei Schulheften seinen beruflichen Werdegang von Heilbronn nach Berlin an die Charité und das Jüdische Krankenhaus. Nach langjähriger Tätigkeit als Oberarzt in verschiedenen Kliniken bewarb er sich um leitende Stellen an öffentlichen Krankenhäusern, kam auch immer aufgrund seiner hervorragenden Qualifikationen in die engste Wahl, „aber letztendlich nicht ins Finale“. Der Wunsch, leitende Funktionen an einem staatlichen Institut zu übernehmen, sei für einen Juden im Kaiserreich „so gut wie ausgeschlossen“ gewesen. Stattdessen wurde er 1910 Direktor der Inneren Abteilung im Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, wo er über 1933 hinaus bis 1941 in leitender Stellung wirken konnte. Seine Aufzeichnungen aus dem Getto sind ein einzigartiges Zeitdokument eines Mitglieds des jüdischen Ältestenrates.

          Harro Jenss/Peter Reinicke (Herausgeber): Der Arzt Hermann Strauß 1868-1944. Autobiographische Notizen und Aufzeichnungen aus dem Ghetto Theresienstadt. Verlag Hentrich & Hentrich, Berlin 2014. 168 S., 24,90 €.

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