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Hermann Flade : Die Gans schnatterte wie Pieck . . .

JVA Waldheim Bild: ZB

Das schwierige Leben eines SED-Gegners - in Ost und West.

          4 Min.

          In den fünfziger und sechziger Jahren war der Name Hermann Flade in der Bundesrepublik weithin bekannt, nicht zuletzt durch eine Serie von Beiträgen im „Stern“, die nach seiner Haftentlassung aus der DDR entstand. Heute aber dürfte kaum noch jemand Flade kennen. Vielleicht kann Karin König mit ihrer Biographie daran etwas ändern. Es ist ein ergreifendes und spannendes Buch. Obwohl als wissenschaftliche Arbeit angelegt, erlaubt sich die Autorin, auch von sich und ihrem Bild von Flade zu erzählen. Sie berichtet nebenbei von ihren Recherchen und lässt erkennen, wie schwer es ihr fiel, ihren Haupthelden, dem so viel Unrecht geschah und der so Schlimmes durchmachen musste, auch liebenswert zu finden.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Flade war achtzehn Jahre alt, als er am Tag vor der ersten Volkskammerwahl in der DDR 1950 in seiner Heimatstadt Olbernhau selbstgedruckte Flugblätter verteilte. Auf einem der Zettel stand, „dass auch dieses Regime früher oder später sein Ende“ nehmen werde. Auf einem anderen stand: „Die Gans latscht wie Pieck, schnattert wie Grotewohl und wird gerupft wie das deutsche Volk.“ Eine als Liebespaar getarnte Polizeistreife entdeckte Flades Tun. Als sie auf ihn zukam, holte er ein Messer hervor und verletzte den männlichen Polizisten. Er konnte davonlaufen, aber für Polizei und Staatssicherheit war es eine Kleinigkeit, ihn schon am nächsten Tag zu finden und zu verhaften.

          Es folgte ein Schauprozess in seiner Heimatstadt, der mit dem Todesurteil endete. Später wurde das Urteil in eine lange Haftstrafe umgewandelt. Flade erlebte eine Odyssee durch die Gefängnisse, er kam nach Bautzen, Waldheim, Torgau. Bis 1960 war er in Haft und galt als der prominenteste politische Häftling der DDR. Dass er das trotz Hunger, Krankheit und psychischer Folter überlebte, hatte auch damit zu tun, dass sein Fall im Westen verfolgt wurde.

          Von dort wurde immer wieder an Flade erinnert und die DDR gemahnt, den jungen Mann endlich freizulassen. Das machte das SED-Regime vorsichtig. Selbst Bundeskanzler Konrad Adenauer schaltete sich ein. Flade wurde zu einem Symbol des Freiheitswillens. Ende 1960 kam er frei und ging zu seinen Eltern in die Bundesrepublik. Flades Antikommunismus, sein Hass auf die Verhältnisse in der DDR haben sich nie verändert. Dennoch unterschrieb er in der Haftzeit eine Verpflichtungserklärung als „Inoffizieller Mitarbeiter“ (IM) der Staatssicherheit, was ihm später im Westen Kritik und Misstrauen einbrachte.

          Seine Biographin erklärt es – vermutlich zu Recht – damit, dass Flade das System herausfordern und mit dessen eigenen Waffen schlagen wollte. Eine naive Vorstellung, wie sich bald zeigen musste. Flade war während seiner Haft von IMs praktisch umzingelt. Wo er glaubte, die Staatssicherheit austricksen zu können, trickste sie ihn aus. Später in der Bundesrepublik machte er immer wieder auf das Schicksal der politisch Verfolgten in der DDR aufmerksam und erzählte seine Geschichte; auch wurde er zum Fluchthelfer. Er schrieb seine Autobiographie „Deutsche gegen Deutsche“ als „Erlebnisbericht aus dem sowjetzonalen Zuchthaus“.

          Das Buch hatte keinen Erfolg, und auch Flades Auftritte wurden immer kritischer gesehen, nicht zuletzt weil er sich jeder innerdeutschen Annäherung verschloss. Noch viel mehr aber, weil er dem umstrittenen Kreis der „Abendländischen Akademie“ nahestand, in dem auch frühere Nazi-Anhänger ihre Hoffnung darauf setzten, die parlamentarische Demokratie wieder durch eine Monarchie abzulösen. Etwas seltsam mutet es in dem Buch an, wie ausführlich sich König mit Flades Doktorarbeit auseinandersetzt, sich geradezu daran abarbeitet. Flade sei es darum gegangen, „eine Diktatur, der er schon einmal die Stirn geboten hat, nun in gewisser Weise auch geistig zu ,besiegen‘“. Das aber habe bei ihm zu einer „folgenreichen Vereinseitigung“ geführt.

          Die Autorin lässt erkennen, dass Flade ihr in seiner katholisch geprägten Radikalität nicht behagt. Flade habe „den Geltungsanspruch einer sich wissenschaftlich gerierenden kommunistischen Weltanschauung als ein irrationales Phänomen zurückgewiesen, dem kein objektiver Status gebühre“. Dass er sich „umgekehrt aber mit seiner religiösen Grundorientierung selbst angreifbar machen könnte, bleibt unreflektiert“. Neben seinem Glauben dürfte es aber auch eine charakterliche Grunddisposition gewesen sein, die sein radikales Denken und Handeln bestimmte.

          Solchen Fällen begegnet man häufiger, auch jetzt wieder, wenn DDR-Oppositionelle von einst sich heute auf AfD-nahen Positionen wiederfinden. Kurz nach seiner Verhaftung rief Flade seinen Vernehmern zu: „Die Freiheit ist mir lieber als mein Leben.“ Was ihm in extremer Stresssituation herausgerutscht war, wurde später immer wieder als heldenhaft angesehen und ist auch für Königs Buch der selbstverständliche Titel.

          Aber so ein Satz hat offenbar eher mit Flades schwieriger Persönlichkeit zu tun als mit Heldenmut. Mit 48 Jahren starb Hermann Flade, angeblich an einem Schlaganfall. Viele meinten damals, er habe sich umgebracht. Die DDR hasste er, in der Bundesrepublik gelang es ihm nicht recht anzukommen. Seine Freunde, Häftlinge von einst wie er, waren überzeugt, er sei an den Spätfolgen der Haft gestorben.

          Längst ist Flade rehabilitiert. Dass eine Biographie jetzt an ihn erinnert, zeigt dreißig Jahre nach ihrem Ende noch einmal nachdrücklich, was die DDR war: ein Unrechtsstaat, der schon ein Widerwort gewissenlos und grausam verfolgen konnte. Es ist aber auch ein Verdienst der Biographie von Karin König, den grundsätzlichen Konflikt nicht auszusparen, der sich bei Flade zeigt: Ein schwieriger Charakter wird in einer totalitären Gesellschaft zwangsläufig zu ihrem unerbittlichen Gegner. Und für uns damit, so oder so, zu einem Helden.

          Fesselnd an Königs Buch ist auch, wie ihr Blick immer auch die Zeitgeschichte einfängt und speziell den Widerstand gegen das SED-Regime Anfang der fünfziger Jahre. Die Autorin wollte gründlich sein, jede erwähnte Person wird in einer Fußnote kurz vorgestellt. Überhaupt lohnt es sich, auch die Fußnoten aufmerksam zu lesen. Gerade weil König so viel Mühe auf all das verwandt hat, ist es ärgerlich, dass dem Buch offenbar eine gründliche Schlussredaktion gefehlt hat. Das geht leider schon beim Klappentext los.

          Karin König: „Die Freiheit ist mir lieber als mein Leben. Hermann Flade – eine Biographie“.

          Lukas Verlag, Berlin 2020. 200 S., 40 Abb., 19,80 .

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