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Hermann Flade : Die Gans schnatterte wie Pieck . . .

Das Buch hatte keinen Erfolg, und auch Flades Auftritte wurden immer kritischer gesehen, nicht zuletzt weil er sich jeder innerdeutschen Annäherung verschloss. Noch viel mehr aber, weil er dem umstrittenen Kreis der „Abendländischen Akademie“ nahestand, in dem auch frühere Nazi-Anhänger ihre Hoffnung darauf setzten, die parlamentarische Demokratie wieder durch eine Monarchie abzulösen. Etwas seltsam mutet es in dem Buch an, wie ausführlich sich König mit Flades Doktorarbeit auseinandersetzt, sich geradezu daran abarbeitet. Flade sei es darum gegangen, „eine Diktatur, der er schon einmal die Stirn geboten hat, nun in gewisser Weise auch geistig zu ,besiegen‘“. Das aber habe bei ihm zu einer „folgenreichen Vereinseitigung“ geführt.

Die Autorin lässt erkennen, dass Flade ihr in seiner katholisch geprägten Radikalität nicht behagt. Flade habe „den Geltungsanspruch einer sich wissenschaftlich gerierenden kommunistischen Weltanschauung als ein irrationales Phänomen zurückgewiesen, dem kein objektiver Status gebühre“. Dass er sich „umgekehrt aber mit seiner religiösen Grundorientierung selbst angreifbar machen könnte, bleibt unreflektiert“. Neben seinem Glauben dürfte es aber auch eine charakterliche Grunddisposition gewesen sein, die sein radikales Denken und Handeln bestimmte.

Solchen Fällen begegnet man häufiger, auch jetzt wieder, wenn DDR-Oppositionelle von einst sich heute auf AfD-nahen Positionen wiederfinden. Kurz nach seiner Verhaftung rief Flade seinen Vernehmern zu: „Die Freiheit ist mir lieber als mein Leben.“ Was ihm in extremer Stresssituation herausgerutscht war, wurde später immer wieder als heldenhaft angesehen und ist auch für Königs Buch der selbstverständliche Titel.

Aber so ein Satz hat offenbar eher mit Flades schwieriger Persönlichkeit zu tun als mit Heldenmut. Mit 48 Jahren starb Hermann Flade, angeblich an einem Schlaganfall. Viele meinten damals, er habe sich umgebracht. Die DDR hasste er, in der Bundesrepublik gelang es ihm nicht recht anzukommen. Seine Freunde, Häftlinge von einst wie er, waren überzeugt, er sei an den Spätfolgen der Haft gestorben.

Längst ist Flade rehabilitiert. Dass eine Biographie jetzt an ihn erinnert, zeigt dreißig Jahre nach ihrem Ende noch einmal nachdrücklich, was die DDR war: ein Unrechtsstaat, der schon ein Widerwort gewissenlos und grausam verfolgen konnte. Es ist aber auch ein Verdienst der Biographie von Karin König, den grundsätzlichen Konflikt nicht auszusparen, der sich bei Flade zeigt: Ein schwieriger Charakter wird in einer totalitären Gesellschaft zwangsläufig zu ihrem unerbittlichen Gegner. Und für uns damit, so oder so, zu einem Helden.

Fesselnd an Königs Buch ist auch, wie ihr Blick immer auch die Zeitgeschichte einfängt und speziell den Widerstand gegen das SED-Regime Anfang der fünfziger Jahre. Die Autorin wollte gründlich sein, jede erwähnte Person wird in einer Fußnote kurz vorgestellt. Überhaupt lohnt es sich, auch die Fußnoten aufmerksam zu lesen. Gerade weil König so viel Mühe auf all das verwandt hat, ist es ärgerlich, dass dem Buch offenbar eine gründliche Schlussredaktion gefehlt hat. Das geht leider schon beim Klappentext los.

Karin König: „Die Freiheit ist mir lieber als mein Leben. Hermann Flade – eine Biographie“.

Lukas Verlag, Berlin 2020. 200 S., 40 Abb., 19,80 .

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