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Herfried Münkler: Der Große Krieg : Auf See nicht sattelfest

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In dem Kapitel über den Zusammenbruch der Mittelmächte wird deutlich, wie sich das Deutsche Reich 1917/18 im Ansatz zu einer Militärdiktatur entwickelt hatte mit Erich Ludendorff an der Spitze, dem es 1918 über Monate hinweg gelang, die militärische Niederlage zu verschleiern. Da es jedoch die Reichstagsmehrheit aus SPD und Zentrum versäumte, „energische Initiativen für einen Friedensschluss [...] zu ergreifen“, konnte „die Oberste Heeresleitung nach Belieben schalten und walten“, bis es letztlich zu spät war.

In dem Schlusskapitel über den Weltkrieg als politische Herausforderung werden die Auswirkungen des Krieges auf die Gegenwart beschrieben und interpretiert. So weist der Politikwissenschaftler Münkler kritisch darauf hin, dass auf dem Balkan bis heute zwischenstaatliche Konflikte nicht ausgeräumt sind. Es gehöre daher zur sicherheitspolitischen Herausforderung der Europäischen Union, „dafür zu sorgen, dass die mitteleuropäisch-balkanischen Konflikte nicht erneut zum Ausbruch kommen“. In der globalen Perspektive sieht Münkler das heutige China in der Position des wilhelminischen Deutschland im Übergang zum 20. Jahrhundert. Durch die maritime Aufrüstung dieser asiatischen Großmacht sei eine chinesisch-amerikanische Konfrontation denkbar, „die ähnlichen Mustern folgt wie der deutsch-britische Gegensatz am Anfang des 20. Jahrhunderts“.

Die ausgewogene Darstellung stützt sich auf die fast unübersehbar gewordene Spezialliteratur über den Ersten Weltkrieg. Das Literaturverzeichnis umfasst über 800 Titel, wobei die älteren amtlichen Reihenwerke des Reichsarchivs und des Marinearchivs nicht berücksichtigt wurden. 12 Karten von verschiedenen Kriegsschauplätzen und einigen Schlachten, wie zum Beispiel Tannenberg und Verdun, sind zum Verständnis der Darstellung hilfreich. Eine methodische Besonderheit des Bandes sind 80 gut ausgewählte eindrucksvolle Bilder, meist Fotografien von Politikern und Soldaten, Gefechtsfeldern, Schützengräben, Waffen und nicht zuletzt von Gefallenen. Der Wert dieser Bilder liegt darin, dass sie nicht nur inhaltlich zum jeweiligen Textabschnitt passen, sondern auch ausführlich kommentiert werden. Die Belege der Zitate sind im Anhang kapitelweise als Endnoten zusammengefasst, die zum Teil auch für weitere Erläuterungen genutzt werden. Leider ist die Suche nach Anmerkungen nicht einfach, da der Verlag darauf verzichtet hat, bei den Kopfzeilen die jeweiligen Seitenzahlen des dazugehörigen Haupttextes anzugeben.

Für eine Neuauflage wäre eine knappe Zeittafel hilfreich, zumal im Inhaltsverzeichnis nur ein Ereignis datiert wird: Sarajevo, 28. Juni 1914. Münkler beginnt seine Darstellung mit der These, dass der Erste Weltkrieg der Brutkasten war für fast alle Technologien, Strategien und Ideologien, „die sich seitdem im Arsenal politischer Akteure befinden“. Im Endergebnis wird diese These bestätigt, und somit liegt cum grano salis eine überzeugende Gesamtdarstellung des Großen Krieges vor.

Herfried Münkler: Der Große Krieg. Die Welt 1914-1918. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2013. 924 S., 29,95 €.

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