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Herfried Münkler: Der Große Krieg : Auf See nicht sattelfest

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Zur Realität des Krieges gehörten auch Meutereien und Kampfstreiks. Als im Frühjahr 1917 große Teile der französischen Armee nicht mehr angreifen wollten, wurden 550 Soldaten zum Tode verurteilt und 45 Urteile vollstreckt. Italien ging noch radikaler vor und führte die römische Praxis des „Dezimierens“ wieder ein, bei der von einer meuternden Einheit jeder zehnte Mann hingerichtet wurde. Demgegenüber blieben deutsche Kriegsgerichte mit insgesamt weniger als 50 Todesurteilen „zurückhaltender als die aller anderen europäischen Mächte“.

Das Kapitel über die „Ausweitung des Kampfes“ behandelt detailliert den See- und den Luftkrieg. Doch zeigt sich hier, dass der Autor in der Terminologie der damaligen Seekriegsmittel nicht ganz sattelfest ist. Es ist ihm offensichtlich nicht klar, was ein Großkampfschiff (capital ship) war. So soll die Royal Navy 1916 in der Skagerrakschlacht sechs (statt drei) Großkampfschiffe verloren haben, was ein grandioser deutscher Erfolg gewesen wäre. Beim Handelskrieg zur See wird übersehen, dass London bereits 1913 dazu übergegangen war, Handelsschiffe zur Verteidigung gegen Hilfskreuzer zu bewaffnen. Dies war völkerrechtlich umstritten, wie dem offiziösen Jahrbuch „Nauticus“ von 1914 zu entnehmen ist.

Mit dem Einsatz von U-Booten im Handelskrieg beschritt Deutschland ab Februar 1915 militärisch und völkerrechtlich neue Wege, da U-Boote die Regeln des Prisenrechts nur unvollkommen einhalten konnten. Die einzelnen Phasen dieses Handelskriegs werden leider nicht stringent anhand der Chronologie herausgearbeitet. Daher entsteht der Eindruck, dass U-Boote auch im Handelskrieg vor allem Torpedoangriffe bevorzugten; tatsächlich war der Einsatz der Bordgeschütze viel effektiver. Dies zeigte sich vor allem von Oktober 1916 bis Januar 1917, als die U-Boote nach Prisenordnung im Monatsdurchschnitt mehr als 320 000 BRT Schiffsraum versenkten.

Diese Einsätze führten zu keinem Konflikt mit den Vereinigten Staaten von Amerika und hätten als Druckmittel möglicherweise dazu beitragen können, einen Verhandlungsfrieden anzustreben. Doch diese Phase des U-Boot-Krieges bleibt ausgeblendet. Es fehlt auch der Hinweis auf den strategischen Zusammenhang zwischen der verhängnisvollen Entscheidung für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg ab Februar 1917 und dem deutschen Bündnisangebot an Mexiko. Das legendäre Zimmermann-Telegramm wurde vom britischen Marinenachrichtendienst entziffert und an die amerikanische Regierung weitergeleitet. Seine Veröffentlichung in Washington und die Bestätigung der Richtigkeit durch Staatssekretär Zimmermann in Berlin führten in den Vereinigten Staaten zu einem Stimmungsumschwung und letztlich im April 1917 zum Kriegseintritt dieser Seemacht. Im Hinblick auf die aktuelle Diskussion über die NSA-Aktivitäten wäre eine kurze Ergänzung zur Entstehung und Bedeutung von Room 40 der britischen Admiralität (nicht des Kriegsministeriums) angebracht, da hier die Keimzelle der modernen Funkaufklärung entstand.

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