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Helmut Schmidt : Weltenkanzler und Zeitenpräsident

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Im zweiten Teil - „Jahre der Einmischung“ - wird der Zeitraum von 1993 bis 2003 vergegenwärtigt; hier geht es darum, wie Schmidt die Weltmacht China „entdeckte“, die er zwischen 1984 und 2005 zwölf Mal besuchte, auch um seine Sicht auf die Weltreligionen, sein Engagement für eine Deutsche Nationalstiftung und sein - anfängliches - Nicht-Verhältnis zu Gerhard Schröder. Erst durch die Agenda 2010 nahm Schmidt seinen Nachnachfolger ernst. Drei Tage vor der Bundestagswahl von 2005 distanzierte er sich jedoch in der „Zeit“ von Schröder, trat damit den eigenen Genossen im Wahlkampf brutal vors Schienbein. Karlauf mutmaßt, Schmidt habe vielleicht die Vorstellung missfallen, „dass Schröder ihn mit einer dritten Legislaturperiode überrunden würde und mit dann denkbaren elf Jahren der am längsten regierende SPD-Kanzler in der Geschichte der Bundesrepublik werden könnte“.

Das Kapitel „Die schwere Hypothek“ befasst sich mit Schmidts Rückblicken auf die Zeit des Nationalsozialismus, unter anderem mit seiner Kritik an der Weizsäcker-Rede vom 8. Mai 1985. Überhaupt habe bei Schmidt das „Eingeständnis der Scham“ schwerer gewogen als die „Bejahung der Schuld“. Wusste er denn aufgrund von Andeutungen seiner Mutter schon seit 1933/34 oder spätestens seit 1942, dass er einen jüdischen Großvater hatte? Das verneint der Biograph klar, weil Schmidt erst 1978 genealogische Nachforschungen in Gang setzte. Ab Mitte der achtziger Jahre schob sich seine „jüdische Erinnerungsschicht“ immer stärker über die tatsächlichen Ereignisse und wurde für ihn „zum Anker in den aufgewühlten Debatten um die deutsche Schuld“. Schwer tat sich der einstige Oberleutnant mit dem deutschen Widerstand, obwohl er einem der Volksgerichtshof-Prozesse gegen Beteiligte des 20. Juli 1944 als Zuschauer beigewohnt hatte. Ein Jahr später hielt er in einem Kriegsgefangenenlager einen ziemlich arroganten Vortrag über das Attentat und beklagte auf der Verschwörer-Seite „bei richtigem Entschluss“ die „mangelhafte Durchführung“ des Umsturzversuchs.

„Wege des Ruhms“ lautet der dritte Teil des Buches über die letzte Etappe von 2003 bis 2015. Hier stehen nicht zuletzt Schmidts Bemühungen, sein eigenes Bild in der Geschichte zurechtzurücken, im Vordergrund. Innerhalb der Hamburger Redaktion warnte er vor zunehmenden „Hordenjournalismus“ und „Gesinnungs-Journalismus“. Und mit seinem öffentlichen Pochen auf Gradlinigkeit erwarb er sich die Gunst des Medien-Publikums, das ihm - so Karlauf - die „scheinbare Unabhängigkeit vom Mainstream“ abnahm. Der Mann, „den die Deutschen sich zum Ersatzkaiser erkoren hatten“, habe mit Peer Steinbrück vergeblich seinen „Erbprinzen“ präsentieren wollen. Aus den vielen markanten Zitaten, die Karlauf ausgegraben hat, ragt eine Altersweisheit heraus: „Ich hege ganz großen Argwohn gegenüber begeisterten Leuten in der Politik. Je größer die Begeisterung, desto geringer der Verstand.“

Rainer Blasius

Thomas Karlauf: Helmut Schmidt. Die späten Jahre. Siedler Verlag, München 2016. 555 S., 26,99 €.

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