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Helmut Schmidt : Vom Oberleutnant zum Soldatenkanzler?

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Helmut Schmidt 1940 als Leutnant der Luftwaffe Bild: Picture-Alliance

Zwischen den Selbstdarstellungen Helmut Schmidts über sein Denken und Handeln in der NS-Zeit einerseits sowie den - jenseits durchaus möglicher Detailkritik, nachvollziehbaren und methodisch leicht nachprüfbaren - Fakten andererseits klafft oft eine erhebliche Lücke.

          Über dieses Buch ist schon vor dem Erscheinen gestritten worden. Nicht alle Streitenden haben das Buch gelesen. Trotzdem äußern sie in Wort und Schrift festgefügte Meinungen. Für die einen ist dieses Buch der „Beweis“ für die einstige „Nazi-Gesinnung“ des früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt (Jahrgang 1918). Für die anderen ist die Vorgehensweise der promovierten Journalistin Sabine Pamperrien unprofessionell, skandalös und respektlos. Beides ist falsch. Um es vorwegzunehmen: Schmidt war kein Nazi, und die Autorin hat nach den Regeln der Historikerzunft geforscht, geprüft und geschrieben. Ihre Methode ist ebenso einfach wie überzeugend und angemessen: Sie konzentriert sich auf den jungen Helmut Schmidt der Jahre 1918 bis 1945. Sie konfrontiert Selbstaussagen des Altkanzlers mit bereits bekannten und vor allem bislang unbekannten - von ihr neu ermittelten - Akten und Fakten.

          Pamperrien kann lebendig (be)schreiben. In den Abschnitten über Schmidts Herkunft, Kindheit und Familie sind die Leser quasi dabei. Sie erleben seine Eltern und Adoptiv-Großeltern. Auch die menschlich nicht gerade erfreulichen Züge des leiblichen jüdischen Großvaters werden skizziert. Der mütterliche Teil der Familie war erheblich lockerer als der eher düstere des Vaters. Trotz des jüdischen Großvaters und etwaiger Gefährdungen seiner selbst hat das Schicksal der Juden im „Dritten Reich“ den späteren Kanzler kaum berührt. Pamperriens Beweise sind (leider) eindeutig.

          Der Geist der Hamburger Lichtwarkschule war bis zur Zeit des Nationalsozialismus liberal und weltoffen. Um so erstaunlicher war Helmuts schneller und freiwilliger Eintritt in die Hitlerjugend (HJ). Doch was sagt die Vorschnelligkeit eines 14 Jahre jungen Knaben über seine spätere Ideologie? Nur das: Er war den Zeitgeist-Einflüssen jenseits von Familie und Schule stark ausgesetzt. Wen überrascht das, zumal der Knabe, wie später der Kanzler, vorne mitmischen und führen wollte. Wie Millionen andere wurde er verführt, doch er führte auch als Wehrmachtssoldat an der Front zumindest selbst offenbar keine Verbrechen aus.

          An der Front war Schmidt relativ kurz: Vom 25. August bis Ende 1941 im Osten, vor Leningrad, und dann im Westen vom Januar 1945 bis zu seiner Gefangennahme am 24. April 1945. Im Hinterland wurde er - seiner Begabungen wegen - mehr gebraucht als an der Front. Man kann es brutal formulieren: Weil so begabt und einsatzfreudig, wurde er nicht als „Kanonenfutter“ ge- und missbraucht. NS-ideologisch wurde der Offizier Schmidt von seinen Vorgesetzten mehrfach und einhellig gelobt. Das besagt im einen Fall viel und im anderen nichts. Die Vorschriften sahen keine ideologischen Standardbelobigungen vor. Das heißt aber nicht, es hätte in der Wehrmacht keine ideologischen Belobigungen gegeben. Natürlich wollten Vorgesetzte Untergebene, die sie menschlich oder soldatisch schätzten und mochten, nicht ans Messer liefern, sondern fördern. Aber auch hier weichen Selbstdarstellung und nachvollziehbare Fakten, wie so oft, voneinander ab.

          Nach dem fehlgeschlagenen Attentat vom 20. Juli 1944 wurde den Widerstandskämpfern gegen Hitler im Volksgerichtshof der Prozess gemacht. Ausgewählte Zivilisten und Soldaten wurden als Beobachter zugelassen - auch Schmidt am 7. September 1944. Die brutalen Brüllorgien des Gerichtspräsidenten Roland Freisler schockierten ihn. Musste oder durfte Schmidt zum Prozess? Er musste, erinnert er sich. Er durfte. So das Urteil der Autorin. Doch wie stets in diesem Buch legt sie die Argumente der einen und anderen Seite vor. Was immer Schmidt im Nationalsozialismus dachte oder machte, seine Bewertung des Widerstands gegen Hitler ist für einen späteren Kanzler der Bundesrepublik erstaunlich: Am 5. Juni 1945 sprach er im Kriegsgefangenenlager vom „Verbrechen der Verschwörer“. Im Mai 1946 bemängelte er nur noch, das „nicht mit allerletzter Konzentration gearbeitet worden war“. In den Erinnerungen des Staatsmanns liest sich alles bundesdeutsch-staatstragend.

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