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Helmut Kohl : Der gute Mensch von Oggersheim

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Helmut Kohl 1991 Bild: Abb. a.d.bespr. Bd.

Kanzlerbiograph Henning Köhler ist nicht unkritisch, und doch macht er sich in hohem Maße die Perspektive Helmut Kohls zu eigen, auch in den Bewertungen und Werturteilen („richtige Richtung“, „größte Leistung“, „Verwilderung der Sitten“), nicht zuletzt über Kohls Kritiker und Widersacher.

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          Helmut Kohls Bild in der Geschichte steht seit einigen Jahren unter keinem guten Stern. Dabei hatte es zunächst gut für ihn begonnen. Noch zu Zeiten seiner Kanzlerschaft initiierte er eine Sonderedition zur deutschen Einheit aus vorzeitig freigegebenen Akten des Kanzleramtes, eine vierbändige Geschichte der Wiedervereinigung und ein Gesprächsbuch unter dem Titel „Ich wollte Deutschlands Einheit“. Damit etablierte sich der „Kanzler der Einheit“ in der Spitzengruppe einer internationalen Erinnerungskonkurrenz um die historische Bedeutung in der Zeitenwende von 1989/90.

          Nach dem Ende seiner Kanzlerschaft hingegen geriet er in schwere Turbulenzen. Erst beschädigte die Parteispendenaffäre seinen Nachruhm, der bald nach der Wahlniederlage vom Herbst 1998 zunächst schwindelnde Höhen erreicht hatte. Wenig später folgten der erschütternde Freitod seiner ersten Frau Hannelore und darauf familiäre Verwerfungen. Ein schwerer Sturz im Jahr 2008 hatte schließlich zur Folge, dass Kohl sich seitdem kaum mehr öffentlich artikulieren kann. Darüber ist auch der vierte Band seiner Memoiren nicht erschienen, nachdem er sich mit dem Ghostwriter der ersten drei Bände überworfen hatte. Die Vorgespräche dazu hat Heribert Schwan kürzlich in einem Buch publiziert, das historisch weniger bedeutsam ist als behauptet und das zugleich einen ressentimentgeladenen Altkanzler präsentiert, der die Welt in Freund und Feind einteilt. Dies prägt das öffentliche Bild ebenso wie die Meldungen darüber, dass Kohl seine persönlichen Akten aus dem Archiv der Konrad-Adenauer-Stiftung zurückholen ließ.

          Vor diesem Hintergrund ist es hilfreich, wenn die Wissenschaft Ordnung in die Dinge bringt. Nachdem Hans-Peter Schwarz vor zwei Jahren seine wohlwollend-kritische Kohl-Biographie vorgelegt hat, sind nun, inclusive Register, exakt tausend Seiten aus der Feder des Berliner Historikers Henning Köhler erschienen, der zuvor unter anderem eine umfangreiche Adenauer-Biographie verfasst hat. Es mag nichts weiter bedeuten, und doch fällt auf, dass der Untertitel nicht den Anspruch formuliert, „eine“ (so Schwarz), sondern „die Biografie“ zu sein. Welchen Helmut Kohl also präsentiert „die Biografie“?

          Der erste Satz setzt die Vorzeichen: „Helmut Kohls Lebensweg ist von Gradlinigkeit bestimmt.“ Seine „vielleicht größte Leistung“ sieht Köhler im „unablässigen Bemühen um den deutschen Einigungsprozess“. Hinzu kam das Ziel der politischen Union Europas. Ansonsten geht Köhlers Biographie davon aus, dass Kohl „lange unterschätzt worden“ ist - und es geht ihm darum, zeitgenössische, vor allem von den Medien verbreitete Fehlurteile aus historischer Sicht zu hinterfragen.

          So legt Köhler seiner Biographie, was die Quellen betrifft, in extensivem Maße zeitgenössische Presseberichterstattung zugrunde. Hinzu kommen ausgewählte publizierte Akten sowie die ausgiebig genutzten Fraktionsprotokolle der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Archiv für Christlich-Demokratische Politik. Akten aus staatlichen Archiven oder Nachlässe beziehungsweise persönliche Papiere (auch die Akten Helmut Kohls) wurden nicht ausgewertet, dafür hat Köhler eine Reihe von Zeitzeugengesprächen geführt.

          Das Buch liest sich flüssig, es beschreibt viel Parteipolitik und konzentriert sich auf politische Ereignisse, persönliche Beziehungen und Wahlen. Übergreifende sachthematische Zusammenhänge und Probleme werden demgegenüber eher kursorisch verhandelt. Die Frage, ob der Regierungswechsel von 1982 die vielzitierte „Wende“ darstellte, wird mit einem knappen „Ja“ beantwortet: Die Regierung Kohl/Genscher wendete die Sicherheitspolitik zurück zur Bündnisloyalität, drehte die Wirtschafts- und Finanzpolitik in Richtung Haushaltskonsolidierung und förderte eine Kultur des „Leistung muss sich wieder lohnen“. Das ist nicht falsch, und doch ist diese Frage schon differenzierter beantwortet und in den gesellschaftlich-politischen Zusammenhängen der Bundesrepublik in den achtziger Jahren verortet worden.

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