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Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens : Im Osten viel Neues

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Doch sosehr die überragende Rolle der Vereinigten Staaten von Amerika bei der Verwirklichung des westlichen normativen Projekts herausgestellt wird, so deutlich wird darauf hingewiesen, dass deren übergeordnete Interessen im Kalten Krieg mit den westlichen Grundsätzen häufig nicht zu vereinbaren waren: während der Entkolonialisierung nicht, in ihrem mittel- und südamerikanischen Hinterhof nicht und auch nicht bei einer Innenpolitik, welche die Überwindung rassischer Diskriminierung erst spät anging. Das Buch zeigt die „zeitweilige antikommunistische Massenhysterie“ der frühen Fünfziger dort ebenso wie die mitunter „skrupellosen“ Methoden amerikanischer Interessendurchsetzung. Doch auch die europäischen Kolonialmächte legten zweierlei Maß an, indem sie zwar grundsätzlich an den Werten des Westens festhielten, „in der Praxis aber nur, soweit sie es mit sogenannten ,zivilisierten‘ Völkern zu tun hatten“.

Gleichwohl: Seit der Verabschiedung der Allgemeinen Deklaration der Menschenrechte durch die UN-Vollversammlung 1948 hatte der Rang der unveräußerlichen Rechte eines jeden und der Gedanke des Selbstbestimmungsrechts der Völker so viel an internationaler Anerkennung gewonnen, dass westliche Demokratien es sich immer weniger erlauben konnten, offen dagegen zu verstoßen. Die Globalisierung humanitärer und politischer Normen, die westlichen Ursprungs waren, band den Westen immer mehr an die von ihm propagierten Ideale.

Dazu durchgehend kontrastierend das Bild der inneren Entwicklung und der außenpolitischen Auswirkungen des „historischen Großversuchs“ des Sowjetkommunismus. Da dieser auf den Gleichheitsgedanken der Linken von 1789 zurückgegriffen habe, sei er mit „einem Teilstrang der europäischen Aufklärung“ verbunden geblieben; Faschismus und Nationalsozialismus, der historische Höhepunkt der Anti-Westlichkeit, dagegen seien auf noch radikalere Weise antiwestlich gewesen, weil sie das Erbe der Französischen Revolution pauschal verwarfen. Eingehend wird gezeigt, wie der diktatorische Staatssozialismus seine Leistungsfähigkeit und nach und nach auch allen Rückhalt in der Bevölkerung verlor. Ein politisch durchherrschtes System ohne Selbstorganisationsfähigkeit und arbeitsteilige Ausdifferenzierung ist in der modernen Welt nicht überlebensfähig.

Michail Gorbatschow scheiterte als Reformer, doch in der weitgehend unblutigen Überwindung der Parteidiktaturen sowjetischen Typs war er erfolgreich, so Winkler: „Die Welt ist durch ihn eine andere, für viele eine bessere geworden. Kein anderer Staatsmann hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen derart tiefgreifenden internationalen, politischen und gesellschaftlichen Wandel bewirkt wie er. Darin liegt seine historische Größe.“ Der „Triumph des Westens“ veränderte die Welt, aber er provozierte Gegenreaktionen der außerwestlichen Welt und schuf eine Welt ohne Gleichgewicht. Die Triumphe des Kapitalismus überall auf der Welt sind noch lange „keine Siege für das normative Projekt des Westens“. Und die Lehren aus dieser Geschichte? Der bedeutende Geschichtsschreiber Heinrich August Winkler, der sich in bewunderungswürdiger Schaffenskraft so umfassend und intensiv wie wenige mit ihr befasst hat, erledigt diese Frage mit der ebenso lapidaren wie quintessentiellen Bemerkung, dass die westlichen Werte „menschenfreundliche Errungenschaften sind und ihre Abwesenheit jedes Gemeinwesen über kurz oder lang in ernste Gefahr bringt“.

Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Band 3. Vom Kalten Krieg zum Mauerfall. Verlag C.H. Beck, Mümchen 2014. 1258 S., 39,95 €.

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