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Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens : Im Osten viel Neues

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Mit Schwerpunkt auf den politischen, auch ökonomischen Prozessen, oft ereignisgeschichtlich beschreibend und in handbuchartiger Manier meist von einem Land zum anderen gehend, führt Winkler den Leser durch das Dickicht dieser dramatischen Jahrzehnte, in denen die Entkolonialisierung das Gesicht der Kontinente veränderte, in denen zwei sich einander ausschließende Ordnungsvorstellungen um die Vorrangstellung kämpften und eine in zwei Blöcke zerrissene Welt mehr als einmal an den Rand eines atomaren Armageddon geriet - Jahrzehnte, in denen ökonomische Expansions- und gesellschaftliche Emanzipationsschübe das Leben von Abermillionen so unmittelbar bestimmten wie nie.

Es bleibt nicht aus, dass in dem breiten Erzählfluss die selbstgewählte problemorientierte Akzentuierung bei der Analyse der Umstände der Umsetzung westlicher Ideen und Politikvorstellungen mitunter verblasst. Namentlich in den Länderstudien, die von Kanada über Schweden, Portugal oder Rumänien bis nach Neuseeland reichen, wird eine Überfülle an Informationen mitgeführt, die zur Beantwortung der Hauptfragestellung nicht unerlässlich wären. Andererseits gibt die detailgesättigte Ausführlichkeit dem Werk seinen enzyklopädischen Charakter. Am nächsten kommt die Darstellung ihrer Absicht, die weltweite Entfaltung des westlichen Projekts vor Augen zu führen, dort, wo sie die Länderperspektive verlässt und Querschnittsthemen behandelt: „Die entfesselten Märkte: Die Globalisierung der Arbeitsteilung und die Krise des Sozialstaats“ beispielsweise oder die sehr gelungene, abgewogene Würdigung „1968: Die transnationale Revolte“.

Das Buch geht natürlich auf die vielfältigen intellektuellen Debatten und geistesgeschichtlichen Tendenzen, auf den Wandel von Mentalitäten und Lebensstilen im Laufe der Nachkriegsjahrzehnte ein. Diese „weichen“ Themen bleiben gegenüber den „harten“ Themen jedoch nachrangig, obgleich die Attraktivität und Stärke der westlichen Lebens- und Politikauffassung doch darin besteht, dass sie sich im Lebensgefühl der Menschen gerade deswegen festsetzen, weil sie idealiter die ebenso emotional wie rational grundierte freie Zustimmung des Einzelnen zu gewinnen vermag. Die Ausführungen zum geteilten Deutschland sind dem kundigen Leser vertraut. Zumeist sind sie komprimiert, teils wörtlich aus „Der lange Weg nach Westen“ übernommen.

Fast immer macht es einem der Autor leicht, seinem von Augenmaß und enormer Sachkenntnis geprägten Urteil zu folgen. Ganz gewiss waren die Vereinigten Staaten ein Geburtshelfer der Demokratie in Deutschland und ein Geburtshelfer Europas, das nach 1945 seine historischen Gegensätze überwand und sich zu friedlicher Zusammenarbeit entschloss. Die nationalen Loyalitäten im Westen wurden „zunehmend durch transnationale Bindungen wie den Gegensatz zum Kommunismus sowjetischer Prägung und die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der westlichen Demokratien überlagert“.

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