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Haushofer und Hitler : Landsberger Erzählungen

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Eingangstür der Justizvollzugsanstalt Landsberg am Lech Bild: dpa

Nachweislich hat Adolf Hitler Karl Haushofers Buch „Dai Nihon“ gelesen, höchstwahrscheinlich auch dessen „Zeitschrift für Geopolitik“. Hat aber Haushofer Anfang der zwanziger Jahre Hitlers Denken entscheidend beeinflusst?

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          Eine zentrale Frage der Forschung über Hitler lautet: Wer hat Hitlers Denken in dessen prägenden Jahren entscheidend beeinflusst? Die Alliierten glaubten, einer der wichtigsten Ratgeber Hitlers sei der Geopolitiker Karl Haushofer (1869-1946) gewesen. Noch 1996 beschrieb ihn Bruno Hipler als „Hitlers Lehrmeister“. In seiner neuen Studie „The Demon of Geopolitics“ vertritt nun auch Holger Herwig diese Ansicht.

          Herwig, emeritierter Professor für Geschichte an der Universität von Calgary, geht davon aus, dass Haushofer in der Festung Landsberg am Lech 1924 nicht nur seinen Freund und Schüler Rudolf Heß regelmäßig besucht habe, sondern auch Adolf Hitler. Haushofer, so Herwig, habe Heß und Hitler bei diesen Zusammenkünften Vorlesungen gehalten und dadurch Hitlers Weltanschauung entscheidend mitgeprägt. Herwig baut seine ganze Argumentation auf dieser Annahme auf - und baut damit auf Sand, denn diese Prämisse ist nachweislich falsch.

          Bereits 2006 hat Othmar Plöckinger in seiner Studie über die Geschichte von „Mein Kampf“ überzeugend dargelegt, dass Haushofers Einfluss auf Hitler sehr gering war. Obwohl Herwig Plöckingers Buch kennt, hat er dessen Forschungsergebnisse nicht nur größtenteils ignoriert, sondern auch falsch ausgelegt. So schreibt Herwig mit Bezug auf Plöckinger, Hitler habe den Großteil des Manuskripts von „Mein Kampf“ mit Bleistift verfasst und dann gelegentlich Heß und seinem Fahrer Emil Maurice diktiert. Tatsächlich kann man bei Plöckinger das Gegenteil nachlesen! Plöckinger hat darüber hinaus betont, die immer wieder kolportierten Besuche Haushofers bei Hitler in Landsberg seien eine freie Erfindung. Herwig räumt selbst ein, dass nur ein einziger Besuch Haushofers bei Hitler in Landsberg nachgewiesen sei: am 28. Dezember 1924. Hitler war aber bereits eine Woche zuvor entlassen worden!

          Durch die 2015 erschienene Studie von Peter Fleischmann über „Hitler als Häftling in Landsberg am Lech 1923/24“ ist der endgültige Beweis erbracht, dass Haushofer Hitler in Landsberg nie besucht hat: Auf den erhalten gebliebenen und von Fleischmann ausgewerteten Besucherkarten Hitlers taucht Haushofer kein einziges Mal auf. Besuche Haushofers bei Hitler oder gar Vorlesungen wären ohnehin schon deshalb abwegig, weil sich Hitler und Haushofer zum einen gar nicht mochten. Zum anderen verachtete Hitler Akademiker grundsätzlich und hätte sich vor seinen Getreuen in Landsberg kaum die Blöße gegeben, sich von einem ihrer namhaftesten Vertreter unterrichten zu lassen.

          Herwig ist so fixiert auf Haushofer und dessen Schriften, dass er die zahlreichen Publikationen zeitgenössischer Autoren völlig ausblendet, die damals in Hitlers Umfeld gelesen wurden. Dies führt dann auch zu teilweise absurden Schlussfolgerungen. So führt Herwig alles, was Hitler über Lebensraum- und Bevölkerungsentwicklung in „Mein Kampf“ und später von sich gab, auf Haushofer zurück. Haushofers Gedanken über den Imperialismus, den „Krieg als Schule der Nation“ und den Kampf um Raum hatten indes Autoren wie Heinrich Claß oder Friedrich von Bernhardi schon Jahre zuvor niedergeschrieben.

          Den Slogan „Der Kampf ist der Vater aller Dinge“ habe Hitler - so Herwig - von Haushofer übernommen. In Wirklichkeit stammte der Ausspruch von Heraklit und wurde populär, lange bevor Hitler und Haushofer sich kannten. Wenn Herwig schließlich gar behauptet, erst Haushofer habe die Schlagwörter „Rassenkunde“ und „Rassenverschmelzung“ unter den Nationalsozialisten verbreitet, fragt man sich als Leser, ob der Autor schon einmal von Hans F. K. Günther und dessen „Rassenkunde des deutschen Volkes“ gehört hat, die Hitler in Landsberg intensiv las.

          Völlig zu verneinen ist der Einfluss Haushofers auf Hitler freilich nicht, doch versäumt es Herwig, ihn richtig einzuordnen. Nachweislich hat Hitler Haushofers Buch „Dai Nihon“ gelesen, höchstwahrscheinlich auch dessen „Zeitschrift für Geopolitik“. Den Begriff „Lebensraum“ übernahm Hitler im Sommer 1924 tatsächlich von Haushofer. Dieser hatte das Wort wiederum bei Friedrich Ratzel entlehnt, dessen Buch „Politische Geographie“ offenbar auch Hitler sehr schätzte. Hitler und Haushofer hatten aber zum Teil völlig unterschiedliche Ansichten, beispielsweise über Japan: Während Hitler die Japaner in „Mein Kampf“ als minderwertige Rasse beschrieb, die nur unter „arischem Einfluss“ von außen große Kulturleistungen vollbringen könne, hielt Haushofer die Japaner für eine „Edelrasse“ und bezeichnete sie als „Arier“. Von Haushofers außenpolitischen Konzepten, etwa seinem Wunschbündnis zwischen Deutschland, Japan und Russland, wollte Hitler ebenso wenig wissen wie von Haushofers Bewunderung für die Unabhängigkeitsbestrebungen in Asien. Hitler hatte dafür nur Verachtung übrig.

          Wie Holger Herwig selbst zeigt, musste sich Haushofer nach 1933 aber schon aus Angst um seine „halbjüdische“ Frau Martha immer wieder dem nationalsozialistischen Zeitgeist beugen und in seinen Publikationen mitunter Positionen vertreten, die seinen eigentlichen Überzeugungen widersprachen. Das machte ihn zum Mitläufer, der im Gegensatz zu seinem (am 23. April 1945 von einem SS-Kommando ermordeten) Sohn Albrecht auch die Augen vor den NS-Verbrechen verschloss. Aber auf die Grundlage dieser Verbrechen, nämlich Hitlers Weltanschauung, hatte Karl Haushofer keinen wesentlichen Einfluss.

          Holger H. Herwig: The Demon of Geopolitics. How Karl Haushofer „educated“ Hitler and Hess. Rowman & Littlefield Publishers, Lanham/Maryland 2016. 292 S., 74,57 €.

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