https://www.faz.net/-gpf-7kv40

Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hrsg):Matthias Erzberger: Ein Demokrat in Zeiten des Hasses : Opfer des Hasses der Nationalisten

  • -Aktualisiert am

Nach der Beerdigung: NSDAP-Hetze vom 9. September 1921 Bild: Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Der aus Buttenhausen (Württemberg) stammende Multifunktionär Matthias Erzberger war auch in den eigenen Reihen umstritten. Er hatte den Mut, im November 1918 den von den militärischen Verlierern des Ersten Weltkriegs geforderten Waffenstillstand zu unterzeichnen.

          4 Min.

          Die Erzberger-Forschung hat Konjunktur. Seit 2001 - mit dem 80. Gedenktag an den 1921 von rechtsradikalen Attentätern ermordeten Zentrumspolitiker, einen Wegbereiter der Weimarer Demokratie - sind ihm annähernd 40 Publikationen gewidmet. Der aus Buttenhausen (Württemberg) stammende Multifunktionär war der nationalistischen Rechten verhasst, aber auch in den eigenen Reihen umstritten. Er hatte den Mut, im November 1918 den von den militärischen Verlierern des Ersten Weltkriegs geforderten Waffenstillstand zu unterzeichnen. 1919/20, als Reichsfinanzminister einer labilen Koalition, setzte er in 16 Monaten das Jahrhundertwerk einer Finanzreform durch.

          Der Band enthält die Referate eines Stuttgarter Symposions von 2011 zum 90. Gedenktag an seine Ermordung. Nach dem Vorwort von Thomas Schnabel sollten „Facetten“ seines Wirkens beleuchtet werden, „die bisher noch nicht so im Interesse der Forschung standen“. Die Reihe eröffnet Andreas Biefang mit „Matthias Erzberger als Berufsparlamentarier. Zur Entstehung der Lebensform ,M.d.R.‘ und ihrer Kritik“. Der 1903 in den Reichstag gewählte Abgeordnete Erzberger war mit 28 Jahren dessen jüngstes Mitglied, stand allerdings bereits „am Ende einer historischen Entwicklung“. Die Einführung von Diäten für die „Reichsboten“ (1906) beschleunigte deren Professionalisierung. Sie trug dazu bei, das Zentralparlament zu „verberlinern“. Seine „Blitzkarriere“ im Reichstag verdankte Erzberger der Schärfe, mit der er 1906 die Kolonialverwaltung des Reiches wegen Korruption und skandalöser Vorfälle in den Kolonien attackierte. Deren erstaunliches Ausmaß beschreibt Frank Bösch in dem Beitrag „Der Ankläger. Erzberger und die Kolonialpolitik im frühen 20. Jahrhundert“. Er erreichte den Sturz hoher Beamter der Kolonialverwaltung, wurde aber auch mit der daraufhin erfolgten Auflösung des Reichstags belastet; denn nach den „Hottentottenwahlen“ blieb das Zentrum zunächst aus dem Kreis der „national zuverlässigen Parteien“ ausgegrenzt.

          Erzbergers „Verhältnis zu Juden und Antisemitismus“ erläutert Christoph Dowe. Für den überzeugten Katholiken, der im Reichstag mit seinem „Toleranzantrag“ auf Religionsfreiheit wiederholt scheiterte, war „jüdisch“ ein vertrautes religiöses Bekenntnis, aber keine „rassistische Kategorie“. Der Zentrumspolitiker schätzte die „jüdische Orthodoxie deutscher Tradition“, unterschätzte jedoch den Antisemitismus, dem keine realen Konflikte zwischen den verschiedenen religiösen Gruppen zugrunde lagen. Die nationalistische Jagd auf Erzberger 1920/21 erfolgte auf dem Hintergrund eines „extremen Radikalisierungsprozesses des Antisemitismus“.

          Hans-Lukas Kieser untersucht den „Wandlungsprozess“ des Annexionisten zum Vorkämpfer der „Friedensresolution“ von 1917. Dabei habe der „Völkermord“ an den Armeniern durch die mit dem Reich verbündete Türkei eine Rolle gespielt; denn der Politiker habe von „Greueltaten“ gewusst, aber „nichts Effektives“ dagegen unternommen. Trotz seiner späteren Einsicht, dass die Armenier-Frage das „Schuldkonto Europas“ belaste, sei es Erzberger schwergefallen, mit der „Feststellung jungtürkischer Allein- oder Primärschuld“ auch nur ein „fatales Versagen“ des Reiches einzugestehen. Joachim Tauber nimmt den Kampf um die Unabhängigkeit Litauens 1917 bis 1919 unter die Lupe und informiert über eine folgenlos gebliebene Episode. Dabei war Erzberger katholischen litauischen Politikern behilflich, die Anfang 1918 formal erreichte Unabhängigkeit ihres 1915 eroberten Landes durch eine monarchistische Lösung zu sichern. Als Kandidaten empfahl er den württembergischen Herzog Wilhelm von Urach, auch um damit eine „preußische Lösung“ zu verhindern.

          Weitere Themen

          FPÖ schließt Strache aus Partei aus

          Österreich : FPÖ schließt Strache aus Partei aus

          Zuvor hatte seine Parteimitgliedschaft schon geruht. Jetzt wurde Strache nach Veröffentlichung des Ibiza-Videos offiziell aus der FPÖ ausgeschlossen. Doch unter neuer Flagge könnte er schon bald in die Politik zurückkehren.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.