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Hans-Jochen Vogel : SPD und deutsche Einheit

  • -Aktualisiert am

Hans-Jochen Vogel am 1. Dezember 2009 in Wiesbaden Bild: Frank Röth

Hans-Jochen Vogel, der im nächsten Jahr 90 Jahre alt wird, hat die Wendemonate 1989/90 nicht vergessen. Er war damals Vorsitzender der SPD und auch der SPD-Bundestagsfraktion. Es war eine schwere Zeit für ihn. Vogel hatte an zwei Fronten zu kämpfen, was er jetzt noch einmal in Erinnerung ruft.

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          Gut 25 Jahre ist es nun her, dass die SPD gegen den Ruf zu kämpfen hatte, der deutschen Einheit skeptisch-abwartend oder gar ablehnend gegenüberzustehen. In den Wendemonaten 1989/1990 war das nicht bloß Teil einer politischen Auseinandersetzung, von denen es viele gibt und die zumeist rasch vergessen werden. Der Ruf, für den auch Spitzenpolitiker der Partei verantwortlich waren, hatte unmittelbare machtpolitische Folgen. Ein Jahr nach dem Fall der Mauer in Berlin standen die Bundestagswahlen an. Helmut Kohl war Bundeskanzler. Nicht wenige seiner Parteifreunde sahen sein politisches Ende gekommen und arbeiteten daran. Kohl gewann den CDU-internen Machtkampf. Sodann nutzte er die Gunst der Stunde - und machte sich auf den Weg, „Kanzler der Einheit“ zu werden. Da kam es ihm zupass, dass sein Kontrahent, der SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine, sich als einer der Skeptiker der Einheit, jedenfalls ihres realen Vollzugs, entpuppte. Kohl siegte. Die SPD hatte ein Problem.

          Hans-Jochen Vogel, der im nächsten Jahr 90 Jahre als wird, hat jene Zeit nicht vergessen. Vogel war damals Vorsitzender der SPD und auch der SPD-Bundestagsfraktion. Es war eine schwere Zeit für ihn. Vogel hatte an zwei Fronten zu kämpfen, was er jetzt noch einmal in Erinnerung ruft. Einerseits gegen Kohl und dessen Versuch, die Vereinigung Deutschlands parteipolitisch gesehen weitgehend allein zu organisieren. Andererseits gegen Lafontaine und dessen Bedenken gegen die deutsch-deutsche Währungsunion, die zwar von vielen Ökonomen geteilt wurden, aber für die SPD politisch schädlich waren. In dem Buch „Was zusammengehört“ beschreibt Vogel sein Dilemma. Er sah die ökonomischen Schwierigkeiten des Beitritts der DDR zur westdeutschen Republik des Grundgesetzes. Er sah aber auch die politischen Folgen einer solchen Haltung. Und vor allem: Er sah keine Alternative - schon gar nicht als ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, ein Amt, das er wenige Monate innegehabt hatte.

          Vogel stand zwischen Lafontaine und Willy Brandt, dem SPD-Ehrenvorsitzenden. Zudem: Auch Vogel konnte (und wollte) Lafontaine nicht mehr die Kanzlerkandidatur streitig machen - erst recht nicht nach dem Attentat auf Lafontaine im Frühjahr 1990, wenige Monate vor der Bundestagswahl. In dem Band setzt er sich mit der innerparteilichen Meinungsbildung auseinander - so wie „man“ es von ihm gewohnt ist: Akribisch beschreibt er sein Erleben jener Monate, sein Mitwirken an der Vereinigung des Landes und der beiden sozialdemokratischen Parteien und auch seine Versuche, die Schwierigkeiten seiner da noch westdeutschen Partei zu bewältigen. Aufsätze von Erhard Eppler und Wolfgang Thierse ergänzen Vogels Versuch, der Geschichtsklitterung entgegenzuwirken. Alle Entscheidungen auf dem Weg zur deutschen Einheit hat die SPD mitgetragen.

          Hans-Jochen Vogel/Erhard Eppler/Wolfgang Thierse: Was zusammengehört - Die SPD und die deutsche Einheit 1989/90. Verlag Herder, Freiburg im Br. 2014. 288 S., 19,99 €.

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