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Reichstagsbrand von 1933 : Handelte die SA auf eigene Faust?

  • -Aktualisiert am

Der holländische Reichstags-Brandstifter Marinus van der Lubbe in einer undatierten Aufnahme Bild: dpa

Es liegt auf der Hand, dass die Frage, wer den Reichstag am späten Abend des 27. Februar 1933 angezündet und damit jene verhängnisvolle Entwicklung hin zur Hitler-Diktatur in Gang gesetzt habe, gewissermaßen zu den Eine-Million-Dollar-Fragen der Geschichtswissenschaft zählt.

          Rätselhafte Ereignisse der Vergangenheit üben auf Historiker einen besonderen Reiz aus - umso mehr, wenn es sich dabei um eine Begebenheit handelt, deren Folgen sich unauslöschlich in die Geschichte eingeschrieben haben. Innerhalb der an bedeutungsreichen Wegscheiden wahrlich nicht armen jüngeren Historie Deutschlands zählt die Brandstiftung im Reichstag am späten Abend des 27. Februars 1933 zweifellos zur Kategorie geheimnisumwitterter Einschnitte. Denn der brennende Reichstag erlangte eine kaum zu überschätzende Rolle bei der Etablierung der NS-Diktatur: Er spielte dem erst seit vier Wochen amtierenden Reichskanzler Hitler eine im wahrsten Sinne des Wortes zündende Wahlparole für die sechs Tage später stattfindende Reichstagswahl in die Hände, indem er die Linke für diesen politischen Anschlag auf einen symbolträchtigen Ort verantwortlich machte.

          Die am 28. Februar von Reichspräsident Hindenburg erlassene Notverordnung setzte zudem wesentliche Grundrechte außer Kraft, beförderte politischen Terror gegen Andersdenkende und beeinträchtigte den Wahlkampf der Hitler-Gegner so massiv, dass der Wahlerfolg der NSDAP (knapp 45 Prozent der Mandate) ohne diese Wahlhilfe nicht in diesem Maße ausgefallen wäre. Erst durch dieses Wahlergebnis konnte bei der Errichtung der Hitler-Diktatur ein Tempo eingeschlagen werden, das die noch vorhandenen Gegenkräfte geradezu überrumpelte.

          Es liegt daher auf der Hand, dass die Frage, wer den Reichstag angezündet und damit jene verhängnisvolle Entwicklung in Gang gesetzt habe, gewissermaßen zu den Eine-Million-Dollar-Fragen der Geschichtswissenschaft zählt. Denn dass der sich selbst der Tat bezichtigende niederländische Anarchist Marinus van der Lubbe, der am Tatort angetroffen wurde, wirklich der einzige Verantwortliche gewesen sein soll, ist eine Position, die Widerspruch geradezu provozierte. Dabei hat sie nicht nur mit der Grundtugend des Historikers - der Skepsis gegenüber herrschenden Meinungen - ausgestattete Wissenschaftler zu vertieften Reflexionen angeregt, sondern auch phantasiebegabte politische Eiferer, die nicht selten wissenschaftliche Standards der Quellenkritik in grob fahrlässiger Weise verletzen.

          Bei einer gelegentlich übereifrig wirkenden Suche nach vermeintlichen Hintermännern und Komplizen dieser Tat sind die politischen Profiteure des Reichstagsbrands ins Fadenkreuz geraten. Und daher hat es nicht an Anstrengungen gefehlt, Nationalsozialisten als die wahren Brandstifter hinzustellen, die den Tatort rechtzeitig verlassen, den politisch verwirrt wirkenden van der Lubbe zurückgelassen und damit den Stoff für den propagandistisch verbreiteten Mythos einer kommunistischen Verschwörung geliefert hätten. Allein: Bislang gibt es keine hieb- und stichfesten, dem Säurebad der Quellenkritik standhaltenden Dokumente, welche eine NS -Täterschaft belegten.

          Wer jetzt erwartet, dass der amerikanische Geschichtsprofessor Benjamin Carter Hett das Geheimnis um den Urheber des Reichstagsbrands lüften würde, wird enttäuscht. Der Verfasser erhebt auch gar nicht diesen Anspruch, sondern will mit seiner ins Deutsche übertragenen und dafür teilweise erweiterten Studie von 2014 zwei wesentliche Beiträge leisten: Zum einen sei die in letzter Zeit vorherrschende These, van der Lubbe habe tatsächlich als Einzeltäter gehandelt, nicht länger haltbar, da diese Einzelperson brandtechnisch gar nicht in der Lage gewesen sei, innerhalb der ihr zur Verfügung stehenden zehn Minuten den Plenarsaal des Reichstags in Brand zu setzen. Van der Lubbe habe daher nur kleinere Feuer legen, aber nicht ein Flammeninferno entfachen können. Auf die sich daraus ergebende Anschlussfrage nach den Urhebern der Feuersbrunst vermag auch Carter Hett keine eindeutig belegbare Antwort zu präsentieren. Es gehört zu den größten Verdiensten seiner Studie, dass er verstreute Indizien zusammenfügt, welche die Vermutung nähren, ein Spezialkommando der Berliner SA habe in politischem Einvernehmen mit dem Berliner Gauleiter Joseph Goebbels eine eigenmächtige Aktion ohne Wissen und Billigung Adolf Hitlers durchgeführt.

          Was die erste These anbelangt, so wird man mit allem Vorbehalt (Historiker sind auf dem Gebiet der Brandtechnik wenig bewandert und müssen sich hier auf externe Expertise verlassen) sich dennoch des Eindrucks nicht erwehren, dass die akribische Rekonstruktion des Tathergangs die Alleintäterthese massiv erschüttert. Und hinsichtlich der zweiten These liefert die Studie genügend Stoff, um die Rolle der SA und speziell von Goebbels bei der nationalsozialistischen Machteroberung neu zu akzentuieren. Denn Carter Hett sieht im Reichtagsbrand ein politisches Grundmuster am Werke, welches seit 1931 einige Male erprobt worden war: SA-Leute störten die öffentliche Ordnung, entzündeten Krawalle auf der Straße und traten als „Agents provocateurs“ auf. Carter Hett bringt dabei Ereignisse in Zusammenhang, die bislang eher isoliert betrachtet wurden: die von SA-Leuten in Zivilkleidung angezettelten Prügelattacken auf dem Berliner Kurfürstendamm am jüdischen Neujahrsfest (12. September 1931); im November 1931 aufgedeckte Pläne hessischer Nationalsozialisten, im Falle kommunistischer Aufstände die Exekutivgewalt zu okkupieren („Boxheimer Dokumente“); gewalttätige Übergriffe und Brandanschläge von SA-Trupps vor allem in Königsberg Ende Juli/Anfang August 1932.

          Der Verfasser legt nahe, das die dahinterstehende Taktik der SA, auf eigene Faust Gewalt gegen Personen und Sachen auszuüben, um eine prärevolutionäre Situation zu schaffen, die den innerparteilichen Status als Bürgerkriegsarmee aufwertete, beim Brandanschlag auf den Reichstag zum letzten Mal zum Tragen gekommen sei. Dies ist durchaus bedenkenswert und ermuntert die Forschung, viele weiße Flecken bei der Erforschung der SA (es fehlt sowohl eine Gesamtdarstellung der Person von Ernst Röhm als auch eine quellenmäßig fundierte Gesamtschau des sogenannten „Röhm-Putsches“ vom Juni 1934) genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn gerade weil sich Hitler mit der Übernahme der Reichskanzlerschaft aus den Händen Hindenburgs auf eine Kooperation mit der Präsidialgewalt eingelassen hatte, gab es nicht wenige Kräfte in der SA-Führung, die bei diesem Deal ins politische Hintertreffen geraten zu sein schienen und in Goebbels einen politischen Seelenverwandten gefunden hatten, der sich in seinem Tagebuch darüber ausließ, dass er bei der Bildung der neuen Regierung nicht berücksichtigt worden sei und nun ungeliebte Parteigenossen an sich vorüberziehen lassen müsse.

          Solche Befunde muss man aus der Untersuchung von Carter Hett jedoch häufig mühsam herauslesen. Seine Studie leidet unter einer Detailverliebtheit, die dazu führt, dass er sich auf Personen aus der zweiten und dritten Reihe fokussiert und das politische Kalkül der eigentlichen Entscheidungsträger vernachlässigt. War es überhaupt denkbar, dass eine Aktion des Reichstagsbrand-Kalibers an Hitler vorbeilaufen konnte? Welche neuen Einsichten ergäben sich daraus zur Stellung Hitlers im NS-Herrschaftssystem? Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der prominenteste akademische Verfechter eines Standpunkts, der die unangefochtene Position Hitlers im Herrschaftsgefüge bezweifelt (Hans Mommsen), entscheidend dazu beitrug, die These von der Alleintäterschaft van der Lubbes wissenschaftlich hoffähig zu machen.

          Insgesamt bleibt die Debatte um den Reichstagsbrand für viele Historiker immer noch ein vermintes Gelände, so dass sie gelegentlich nicht der Versuchung widerstehen, ihrer These widerstreitende Quellen glattzubügeln. Carter Hett muss mit dem Dilemma klarkommen, dass ausgerechnet sein Schlüsselakteur Goebbels in seiner Tagebucheintragung vom 9. April 1941 sein Unwissen hinsichtlich der Hintergründe des Reichstagsbrands kundtut. Dass man diesen Befund dadurch zu entkräften sucht, indem man dem Tagebuch von Goebbels pauschal eine propagandistisch-lügenhafte Intention attestiert, zeugt von einer verblüffenden Unkenntnis der neueren Forschung.

          Benjamin Carter Hett: Der Reichstagsbrand. Wiederaufnahme eines Verfahrens. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016. 633 S., 29,95 €.

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