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Sterbehilfe : Habe ich meinen Vater umgebracht?

In der Schweiz erlaubt: Tötung mit Natrium-Pentobarbital. Das Bild entstand 2003 in Zürich. Bild: dpa

Selbstbestimmtes Sterben ist ein kontroverses Thema. Ein Arzt schildert seine Erfahrungen - und hat klare Forderungen an die Politik.

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          Es wäre in zweifacher Hinsicht übertrieben zu behaupten, dass Michael de Ridder sein Leben dem Tod gewidmet habe. Zwar ist die Begleitung Sterbender dem in Berlin lebenden Arzt offenkundig ein wichtiges Anliegen, wie sein jüngstes Buch verdeutlicht. Es heißt „Wer sterben will, muss sterben dürfen“. Doch der engagierte und öffentlich weithin sichtbare Einsatz des Internisten für die Sterbehilfe darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es vor allem die Graubereiche der Medizin sind, die de Ridder zu faszinieren scheinen. Als junger Mann ging er für zwei Monate nach Thailand, um dort Geflüchtete aus Kambodscha zu versorgen. Und als nicht mehr ganz junger Mann wurde er später mit einer Arbeit über Heroin promoviert; jenes Rauschgift, das früher als Schmerzmittel eingesetzt wurde und dann eine verhängnisvolle Karriere machte. Zum anderen würde man Michael de Ridder mit der Behauptung unrecht tun, sein inzwischen wichtigstes Thema sei der Tod. Es geht ihm um das Sterben. Der Prozess steht zwar am Ende eines Lebens, doch er ist ein untrennbarer Teil des Lebens selbst.

          Michael de Ridder:  „Wer sterben will, muss sterben dürfen“. Warum ich ­schwer kranken ­Menschen helfe, ihr Leben selbst­bestimmt zu beenden. Deutsche Verlagsanstalt, München 2021. 224 S., geb., 20,–  €.
          Michael de Ridder: „Wer sterben will, muss sterben dürfen“. Warum ich ­schwer kranken ­Menschen helfe, ihr Leben selbst­bestimmt zu beenden. Deutsche Verlagsanstalt, München 2021. 224 S., geb., 20,– €. : Bild: Verlag
          Kim Björn Becker
          Redakteur in der Politik.

          Sein Engagement für eine geregelte Form der Sterbehilfe in Deutschland leitet de Ridder aus seinem Selbstverständnis als Arzt her. Er wendet sich gegen das „reduktionistische“ Krankheitsverständnis der modernen Medizin, die „den Kranken seiner Personalität entkleidet“. Er widerspricht, wenn Ärzte von ihren Patienten nicht als Personen sprechen, sondern von Fällen und Diagnosen. Diese „Zerlegung“ des Kranken hat nach Auffassung de Ridders ihren Ursprung im Medizinstudium, das den oft hochmotivierten jungen Menschen zunächst notwendigerweise Wissenschaftlichkeit und Distanz beibringt, es dann aber versäumt, die Grenze dieser nötigen Transformation zu benennen. Wohin das führt, schildert der Autor aus eigener Erfahrung: „Verbundenheit mit dem Kranken zu offenbaren, erfuhr ich als etwas Unärztliches.“ Anhand mehrerer Beispiele schildert er, wie unheilbar Kranke von der modernen Medizin oft nicht jene Hilfe erhalten, die sie sich zu bekommen versprechen, sollte sich ihr Gesundheitszustand ins Unerträgliche verschlechtern. De Ridders Forderung lautet, dass die Medizin „immer etwas tun“ müsse. Wenn sie schon keine Heilung versprechen kann, dann zumindest Palliation, also die ummantelnde Linderung der Leiden. Aus Sicht de Ridders schließt diese die Sterbehilfe ein.

          Damit sich Autor und Leser möglichst nicht missverstehen, baut de Ridder an mehreren Stellen kleine Exkurse ein. Er erklärt die Unterschiede zwischen erlaubter Sterbehilfe und der vom Strafrecht untersagten Tötung auf Verlangen und erläutert, wie das sogenannte Sterbefasten funktioniert. An anderer Stelle klärt er, wie das Suizidmittel Natrium-Pentobarbital wirkt. Jene Substanz also, deren Erwerb das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte auf Druck des Bundesgesundheitsministeriums Sterbewilligen verwehrt, trotz anderslautender Rechtsprechung. Bei alledem ist der Hinweis von Bedeutung, dass der Autor beim Thema Sterbehilfe kein neutraler Beobachter ist (und dies auch nicht für sich in Anspruch nimmt), sondern im Streit um die gesetzliche Regelung der Sterbehilfe in Deutschland eine Akteursqualität besitzt. Als der Bundestag die sogenannte geschäftsmäßige – also auf Wiederholung angelegte – Sterbehilfe im Jahr 2015 verboten hat, indem er den neuen Paragraphen 217 ins Strafgesetzbuch schrieb, gingen beim Bundesverfassungsgericht mehrere Klagen dagegen ein. Schwerkranke sahen sich in ihrer Selbstbestimmung eingeschränkt, Ärzte in ihrer Berufsausübung. Auch Michael de Ridder legte Verfassungsbeschwerde ein. Das Gericht erklärte den Paragraphen im Februar 2020 für verfassungswidrig und damit für nichtig. Wenn de Ridder vom „Jahrhunderturteil“ schreibt, dann geht es auch um seinen persönlichen juristischen Erfolg. Diese Rolle macht der Autor im Buch transparent, er schildert seine Eindrücke der mündlichen Verhandlung. „Wer sterben will, muss sterben dürfen“ ist insofern ein aktueller Debattenbeitrag, als der Bundestag noch darum ringt, wie die Sterbehilfe gesetzlich neu gefasst werden soll.

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