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Terror-Miliz : Wachsende Gefährdung des Westens

  • -Aktualisiert am

Kinder am 14. Juni 2014 bei einem ausgebrannten Auto in Mosul, Irak Bild: Reuters

Guido Steinberg, Islamwissenschaftler bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, porträtiert den „Islamischen Staat“ und seine fanatischen Protagonisten; er hat dafür lange recherchiert.

          Im Juni 2014 eroberte die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) Mossul, die zweitgrößte Stadt des Iraks. Dies war, wie Guido Steinberg schreibt, ihr bisher größter militärischer Erfolg. Und spätestens seit diesem Datum hält das „neue Kalifat“, angeführt von Abu Bakr al Bagdadi oder - wie er sich seither nennt und nennen lässt - „Kalif Ibrahim“, die Welt in Atem. Er herrscht über einen großen Teil des von Sunniten bewohnten Territoriums im Irak sowie Teile Syriens mit etwa sechs bis acht Millionen Einwohnern. Das syrische Raqqa hat er zu seiner Residenz auserkoren. Von dort aus versucht er mit blutiger Gewalt und salafistischer Gesetzesrigidität seine Macht zu festigen und staatliche Strukturen zu schaffen, vor allem eine Gerichtsbarkeit. Massenmorde und Enthauptungen (auch im Internet übertragen) erzeugen Horror und Botmäßigkeit. Das alles soll angeblich den Sitten und Gebräuchen entsprechen, die unter dem Propheten Mohammed und seinen drei unmittelbaren Nachfolgern im 7. Jahrhundert nach Christus herrschten.

          Steinberg, Islamwissenschaftler bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, porträtiert diesen „Staat“ und seine fanatischen Protagonisten; er hat dafür lange recherchiert. Dies merkt man besonders an den Biographien der beteiligten Dschihadisten, über deren Leben und Netzwerke man Details erfährt. Dies gilt im Besonderen für die Rolle europäischer/deutscher Dschihadisten, über die Steinberg zuvor schon das Buch „Al-Qaidas deutsche Kämpfer. Die Globalisierung des islamistischen Terrorismus“ publiziert hat.

          Deutlich wird besonders die Rolle von Abu Musab al Zarqawi, jenem ehemaligen jordanischen Kleinkriminellen, der - nach Anfängen in Afghanistan - bis zu seinem gewaltsamen Tod im Jahre 2006 der maßgebliche Terroristenführer im Irak wurde. Ohne al Zarqawi, der zunächst Al Qaida im Irak (AQI) repräsentierte, hätte es den IS vielleicht nicht gegeben. Geburtshelfer waren freilich in erster Linie Amerikaner und Briten, die 2003 ihren verhängnisvollen Krieg gegen den Irak und dessen Diktator Saddam Hussein führten, den Despoten stürzten und dann Fehler über Fehler machten: Anstatt die Mitarbeit erfahrener Kader des Regimes für einen Neuanfang zu suchen, wollte Washington ein großes Reinemachen. Die bis dato herrschende „säkulare“ Baath-Partei wurde ganz aufgelöst, die Armee zerschlagen - was viele Anhänger der bisherigen Regierungspartei und Soldaten in ein Niemandsland stürzen ließ.

          Als größter Fehler der „Befreier“ erwies sich allerdings, dass die bis zu jenem Zeitpunkt dominierenden Sunniten isoliert wurden und aller Macht verlustig gingen. Aus dem Irak wurde ein Staat, in dem die schiitische Mehrheit nun ihrerseits handelte wie zuvor die Sunniten. Der jahrelang folgende blutige Terror zwischen Sunniten, die einen Teil der alten Waffenarsenale zur Verfügung hatten, und schiitischen Milizen mit zigtausend Terror-Toten ist nach Steinberg ohne die zunehmend unsäglicher werdende Politik des schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al Maliki kaum zu verstehen. Vor allem Abu Musab al Zarqawi erwies sich als ein besonderer Schiiten-Hasser, um den sich die betrogenen Sunniten scharten. Aus der AQI wurde 2006 ISI - der Islamische Staat im Irak.

          Doch unter Abu Umar al Bagdadi, al Zarqawis Nachfolger, der 2010 getötet wurde, schwächelte die Bewegung. Erst mit dem Ausbruch der Arabellion, insbesondere dem beginnenden Aufstand in Syrien gegen das Assad-Regime, der seit 2012 mehr und mehr von Islamisten und Dschihadisten dominiert wurde, erstarkte der ISI wieder und wurde 2013 zu ISIS, dem „Islamischen Staat im Irak und in Syrien“ unter Abu Bakr al Bagdadi. Als syrischer „Ableger“ der irakischen dschihadistischen Bewegung hatte sich 2012 die Al-Nusra-Front gegründet, die freilich bald schon in Konkurrenz zu ISIS, heute dem IS geriet. Erhellend sind jene Passagen des Buches, in denen Steinberg die wachsende Rivalität zwischen dem IS und Al Qaida beschreibt, deren Schwächung durch die Tötung von Usama Bin Ladin im pakistanischen Abbottabad 2011 offenkundig wurde. Bin Ladins Nachfolger Aiman al Zawahiri hat nie dessen Einfluss auf das islamistische Netzwerk erlangen können. Heute sind Al Qaida und der IS zerstritten, der IS übt auf Dschihadisten in aller Welt ungleich größere Anziehungskraft aus. Insgesamt 15 000 ausländische Dschihadisten aus arabischen und europäischen Ländern sollen zum IS gestoßen sein, darunter 550 Deutsche. Eine nicht unwichtige Rolle innerhalb des IS weist der Autor Izzaddin Ibrahim al Duri und dem irakischen Naqshbandiya-Orden zu. Al Duri war lange Zeit die rechte Hand Saddam Husseins und soll schon damals für eine religiösere Ausrichtung der Baath-Partei plädiert haben.

          Der IS ist eine horrende Bedrohung der Nachbarstaaten, aber auch für die Europäer. Als das Manuskript abgeschlossen wurde, hatte der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ noch nicht stattgefunden, doch macht der Autor kein Hehl aus der wachsenden Gefährdung westlicher Gesellschaften, im Besonderen durch die Rückkehrer. Kein Hehl macht er auch daraus, dass eine gewisse Ratlosigkeit darüber herrscht, wie dem IS zu begegnen sei, zumal die Idee, künstlich geschaffene Grenzen in der Region (Stichwort „Sykes-Picot“) wieder einzureißen, nicht unpopulär ist, vom IS geschickt „gespielt“ wird und das „neue Kalifat“ vielleicht dauerhafter sein wird, als viele glauben. Trotzdem hält Steinberg die weitverzweigte Al Qaida auf längere Frist für gefährlicher, da der IS territorial schon an seine Grenze gestoßen sei. Die Schiiten, die Kurden sind seine eingeschworenen Gegner. Für den Westen gilt es, Verbündete im Irak zu finden, die Nachbarstaaten zu schützen und den transnationalen Terrorismus effektiv zu bekämpfen. Ein langer Kampf stehe bevor.

          Guido Steinberg: Kalifat des Schreckens. IS und die Bedrohung durch den islamischen Terror. Knaur Taschenbuch Verlag, München 2015. 208 S., 12,99 €.

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