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Vor 50 Jahren : Wenn der Partisan mit dem Parmesan . . .

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Bild: Picture-Alliance

Das Jahr 1968 in rückblickender Überhöhung. Wie Beteiligte heute die Dinge sehen

          Das fünfzigjährige Jubiläum der Revolte von 1968 wirft seine Schatten voraus. Viel ist über dieses Jahr und die nach ihm benannte Generation geschrieben worden. Vieles stammt dabei aus der Feder von milde und nostalgisch gestimmten Veteranen. So verhält es sich auch bei vorliegendem Buch, das von einem Journalisten der „Frankfurter Rundschau“, Claus-Jürgen Göpfert, und dem Grünen-Politiker Bernd Messinger vorgelegt wird. Zwar waren beide zur Tatzeit noch Schüler, sie haben aber in der Zeitung, welche die Bewegung mit der größten Sympathie verfolgte, und der Partei, welche das Erbe der Bewegung antrat, ihr Berufsleben verbracht und verleugnen eine erkennbare Nähe nicht.

          Mit Frankfurt beleuchten sie das neben West-Berlin zweite Zentrum der Proteste. Aufgrund der „Frankfurter Schule“ überstrahlte die Mainmetropole zumindest intellektuell noch die geteilte Hauptstadt. Freilich wird die Distanz zwischen Theodor W. Adorno und den Wortführern des SDS schon in den Fotografien, die das Buch auszeichnen, überdeutlich. Hier der melancholisch blickende Citoyen mit Hut und Krawatte, dort der „Robespierre aus Bockenheim“, Hans-Jürgen Krahl, mit ungewaschenen Haaren und problematischer Frisur. Adorno hielt so gar nichts von Aktivismus, von Teach-ins und egalitärer Seminargestaltung, sein Mitstreiter Max Horkheimer verteidigte sogar den Vietnamkrieg. Und Jürgen Habermas brachte die Formel vom „linken Faschismus“ auf, welcher er bald wieder zu relativieren suchte.

          Frankfurt wurde allerdings nicht nur wegen der „Frankfurter Schule“ zu einem Zentrum der Bewegung. Auch die Anwesenheit von 40 000 amerikanischen Soldaten und ihren Familien, das amerikanische Hauptquartier im I.G.-Farben-Haus, heute Sitz der Goethe-Universität, und das Generalkonsulat in Wurfweite zur Universität prädestinierten die amerikanischste Stadt Deutschlands zum Protest gegen den Vietnamkrieg. Der Brutalismus der Stadtplanung mit der wirtschaftsgetriebenen Erschließung des Westends („Fingerplan“) und eine lebhafte, mit dem Studentenprotest sympathisierende Kulturszene taten ein Übriges, um Protestpotential anzuziehen und zu verdichten. Die Autoren möchten nun „die wirklichen Geschehnisse wieder in Erinnerung“ rufen, da „vieles von dem, was damals tatsächlich geschah ... fünf Jahrzehnte später in einem Mythos zu verschwimmen“ drohe. Um diesem ehrgeizigen Ziel gerecht zu werden, glauben sich die Verfasser tatsächlich primär auf Zeitzeugenbefragungen stützen zu können. Dagegen wird das einschlägige, aus den Quellen gearbeitete Buch von Manfred Kittel „Marsch durch die Institutionen? Politik und Kultur in Frankfurt nach 1968“ (F.A.Z. vom 26. November 2011) nicht einmal zur Kenntnis genommen. Auch ohne dass man ausführliche Reflexionen über den Quellenwert von Zeitzeugen und die Überschreibung von Erinnerung anstellt, lässt sich schnell erkennen, dass ein Interview mit Daniel Cohn-Bendit wohl kaum dazu taugt, einen Mythos zu hinterfragen. So sagen dann die Fotos von „Dany le Rouge“ auf der einen Seite und Krahl und KD Wolff auf der anderen Seite wesentlich mehr über die damalige Zeit aus als deren Erinnerungen: dort aktivistischer Hedonismus, hier kalte Theorie.

          Was aber erfährt man über die heutige Erinnerungskultur führender Achtundsechziger? Bei allen Stimmen ist eine gewisse Melancholie und Distanz erkennbar. Der spätere Terror der RAF als ein Erbe der Bewegung wird nicht mehr verharmlost oder beschönigt, die Attraktivität von Massenmördern wie Mao oder Pol Pot kann keiner mehr erklären, und „Gewalt gegen Personen“ haben angeblich alle der Befragten damals abgelehnt, zumindest, wie Arno Widmann, aus taktischen Gründen.

          Die Gewalt gegen Polizisten wird im Buch aber durchaus thematisiert. Über die im Zusammenhang mit Joschka Fischers Vergangenheit vieldiskutierte Demonstration im Mai 1976 anlässlich des Selbstmordes von Ulrike Meinhof heißt es: „Molotow-Cocktails flogen, einer genau in ein Polizeiauto, ein Polizist, Jürgen Weber, stürzt brennend und schreiend aus dem Wagen. Er überlebt schwer verletzt, mehrere Demonstranten wurden festgenommen, auch Joschka Fischer, der aber nach zwei Tagen wieder freigelassen wurde.“ Vieles spricht dafür, dass Fischer am Abend zuvor den Einsatz von Molotowcocktails gebilligt hat, und Weber machte ihn moralisch für sein Schicksal als Schwerbehinderter verantwortlich. Warum haben die Autoren hier nicht weiter recherchiert?

          Neue Ergebnisse bringt dieser Band also nicht. Die Stärken des Buches liegen vielmehr in den Porträts der Protagonisten der Bewegung. Der aktivistische Cohn-Bendit wird neben den intellektuellen Krahl gestellt, der charismatische Dutschke neben den sarkastischen Matthias Beltz. Insofern bleibt es bei einer starken Selbstbespiegelung, die Honig aus dem neuen Feindbild des Rechtspopulismus zu saugen versucht. Dieser hat jedoch die Protestgeste von den Achtundsechzigern übernommen, die nun das juste milieu zu verteidigen haben. Das kann keine schöne Aufgabe für jeden sein, der mal wirklich „dagegen“ war. Da verweist der ehemalige SDS-Vorsitzende KD Wolff dann doch lieber auf die „schönste Hölderlin-Ausgabe der Welt“, welche sein Stroemfeld Verlag heute verlegt.

          „Dieses Buch ist notwendiger denn je“, schreiben die Autoren in ihrem Vorwort. Das ist reichlich übertrieben. Wer aber wissen will, wie Altachtundsechziger im Gespräch ausschließlich mit anderen Altachtundsechzigern das Jahr 1968 heute sehen, erhält in diesem Band Auskunft. Für alle anderen gilt die letztgültige Einsicht von Matthias Beltz: „Partisan und Parmesan/Wo sind sie geblieben/Partisan und Parmesan/Alles wird zerrieben“.

          Claus-Jürgen Göpfert/Bernd Messinger: Das Jahr der Revolte – Frankfurt 1968. Schöffling & Co Verlagsbuchhandlung, Frankfurt am Main 2017. 304 S., 22,– .

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